Wenn Du Angst hast, rufe nicht die Polizei!

Da hab ich auf Twitter, recht unbedarft einen Satz geschrieben und war überrascht von der Resonanz die er auslöste. Der Satz lautete:

“Irgendwie #gruselig wenn man bei #Angst nicht die #Polizei, sondern die #Presse ruft, weil man vor der #Polizei #Angst haben muss. #Blockupy

Dieser eine Tweet wanderte tagelang durch Twitter, wurde immer wieder retweetet und favorisiert. Eine derartige Reaktion war mir bis dato fremd. Dazu muss man wissen, dass ich etwa 170 Follower hatte zu diesem Zeitpunkt. Das ist verglichen mit großen Bloggern, wirklich nicht viel. Dennoch wurde der eine Tweet von mehr Leuten retweetet als ich Follower hatte und er lief über diverse Stationen zu ganz neuen Personenkreisen.

Kurz gesagt, etwas hatte die Menschen ungemein stark angesprochen an diesem einen Satz. Entstanden war er, als im Rahmen der #Blockupy Proteste am Abend die Universität Bockenheim von Polizei umstellt wurde und die sich dort aufhaltenden Personen in regelrechte Angst verfielen. Dies äußerste sich in Tweets wie:

jedermann ‏@joergimd
@
zdf @hronline @hrblockupy ALARM PRESSE WO BLEIBT IHR??? Bockenheim #Blockupy Update per Tel.: Polizei… | #Blockupy

Bockenheim #Blockupy Update per Tel.: Polizei Campus weiträumig abgeriegelt. Umliegende Gebiete wurden zur Gefahrenzone erklärt. Alle mit Platzverweis droht die Festnahme. Polizei scheint Grund zu suchen, den Campus zu stürmen, da es einer der letzten “freien” Plätze ist. Zahl der Polizisten scheint zuzunehmen. (Informationen aus 1. Hand)

 Das Wort “Gefahrenzone” ließ dabei aufhorchen, denn es entsprach einer bewährten Taktik, die in Deutschland seit dem 11.September 2011 gerne zur Anwendung kommt. Man erklärt eine Gefahr und erhält dadurch Sonderrechte. Dabei ist die Gefahr als solchige weder glaubhaft zu machen, noch muss sie existieren. Sie ist lediglich Mittel zum Zweck. Gefahr und Angst werden zum Werkzeug um Zwangsmaßnahmen als positiv deklarieren zu können. Dort wo man massiver Polizeigewalt vorher skeptisch gegenüberstand empfindet man dieselbe Gewalt unter der Prämisse einer Gefahrenabwehr auf einmal als notwendig und unterstützenswert.

Diese Taktik wurde schon im Vorfeld zu den Demonstrationen durch Polizei und die Stadt Frankfurt am Main praktiziert. Es wurde ein Horrorszenario aufgebaut nach dem abertausende Schwerverbrecher und Terroristen gekommen wären um die Stadt zu plünden und zu schleifen, gleich den Schweden im 30jährigen Krieg. Mit solchem Schrecken im Genick erschien es dann nur logisch die Stadt einer Festung gleich auszubauen und zu verteidigen. Polizisten in Kampfmontur wurden zu edlen Rittern, die das Schloß der EZB zu verteidigen versuchten, gegen die anrückenden Brandschatzer.

Diese Szenarien waren freilich nur fiktiv und fanden im Kopf einiger Polizeistrategen und der Stadtverwaltung statt. Tatsächlich auf den Straßen waren friedliche und harmlose Menschen, die herumstanden oder sich einfach setzten, wenn die Polizei anrückte. Der einzige schwarze Block waren die arachaisch wirkenden Polizeitrupps in ihren schwarzen Kampfrüstungen die oft nur allzu militärisch wirkten. Ein derartiges Aufgebot wirkte nicht recht, wie der vorbildliche Freund und Helfer, von dem einem in der Schule erzählt wurde. Zwar mißhandelte die Polizei einige Demonstranten, verdrehte Hände, fügte gezielt Schmerzen zu, schleifte Menschhen über den Asphalt, schubste und stieß Menschen unter lauten Drohungen durch die Straßen und ließ auch Wasserwerfer aufrollen, aber ansonsten blieb alles freidlich.

Das in den Köpfen von Polizeistrategen fantasierte Szenario eines gemeingefährlichen Bürgers, passiert nicht. Und dennoch sprach man nicht von “friedlich”, denn, wie die Polizei erklärte, sei die Demonstration eben genau nicht friedlich, da sie nicht genehmigt sei. Und hier kommen wir nun zum Kern der Geschichte. Die Worte und Begriffe die die Polizei gerne benutzt, sind freie Erfindungen, sie meint jedoch damit, dass hier Bürger Dinge tun um die sie die Ordnungsmacht nicht gebeten hat. Es wird gegen das Ordnungsprinzip und gegen den Gehorsam gegen die Obrigkeit verstoßen. Der Bürger tut Dinge, die man ihm nicht erlaubt hat. Er beruft sich auf Grundrechte, die von der Verwaltung abgelehnt wurden.

Um diesen Grundkonflikt geht es hier. Die Polizei ist nichts anderes als eine Ordnugsmacht, die die Grundordnung um jeden Preis aufrecht zu erhalten versucht. Grundrechte sind dabei nicht von belang. Die Stadt will den regulären Betrieb nicht gefährden. Man hat sich auf höchster Ebene mit Banken und einem desolaten Wirtschsaftssystem arrangiert. Natürlich wäre nicht alles in Ordnung, aber das sei halt eben so und gehe den gemeinen Bürger schon gleich gar nichts an.

Die Polizei steht hier nicht länger auf Seiten der Bürger, ihrer Freiheit, Sicherheit und Grundrechte, sondern sie gibt sich ganz einem Ordnungsprinzip hin, bei dem jeder, der sich nicht der Obrigkeitslinie in Demut hingibt, als Staatsfeind und Gefärder angesehen wird. Der demokratisch politisch interessierte Bürger wird damit zum Verbrecher und auch so behandelt. Die Politik unterjocht genau die Ideale, deren Seltenheit sie an anderer Stelle so tränenreich bedauert. Der Bürger sei nicht mehr politisch interessiert. Was für ein Unsinn. Der Bürger hat nur leider eine ganz eigene Vorstellung davon, wo die eklatanten politischen Probleme liegen. Der Bürger ist leider nicht demütig. Und der Bürger verlangt nach seinen Grundrechten.

Dass ihm hier weder die Stadt noch die Polizei ein treuer Weggefährte ist, sondern ihm feindlich im Weg steht, lässt abgrundtief Blicken. Im Gegensatz zu Gefahrenprognose der Polizei handelt es sich bei den angeprangerten Problemen eben nicht um reine Fantasiegebilde. Es geht aber auch nicht mehr nur um fundamentale Probleme des Kapitalismus und der Politik, sondern seit diesem Tag auch um existenzielle Grundrechtsfragen. Dürfen Menschen aus einer Stadt verbannt werden, davongeschleift und kriminalisiert werden, nur weil sie ihre Meinung sagen wollen?

Es stellt sich die Frage was die Polizei meint, hier zu verteidigen? Ich vermute, es ist nur eine, als heilig betrachtete Ordnung. Der Widerspruch ist der Feind der Polizei. Und das ist nicht nur bedauerlich, sondern gefährlich. Diejenigen die eigentlich die neutralen und objektiven Schiedsrichter sein müssen, fühlen sich durch jedes Widerwort sofort persönlich in ihrer Ehre verletzt. Eigentlich dürften wir nur Polizisten bezahlen, die auch über einen stabilen und in sich ruhenden Charakter verfügen und durch nichts so schnell aus der Ruhe zu bringen sind. Das Gegenteil scheint jedoch oft der Fall zu sein. Die Polizei fühlt sich von friedlich herumstehenden und sitzenden Menschen hochgradig gefährdet und muss hart durchgreifen. Sie sieht Gefahrenzonen, wo keine Gefahren sind. Sie sieht brandschatzende Horden, wo Familien mit Kindern und Senioren sind. Die Paranoia des Wutbürgers sitzt ihnen so tief in den Knochen, dass sie wie ein Angstbeißer zur Gefahr für andere werden.

Und genau das ist es, was die Menschen empfinden. Ein Komplott aus Finanzwirtschaft, Politik und Polizei, das in ihrem Treiben und Handeln nicht gestört werden will und dem man durch Steuerzahlungen huldigen muss. Dabei bezahlen genau die Bürger, die sich von der Polizei widerstandslos, trotz bewusst zugefügter Schmerzen, wegschleifen lassen müssen die Gehälter ihrer Übeltäter, aber auch der Politiker die dies anordnen und die Schulden und Zinsen die durch eine missratene Finanzpolitik anfallen.

Die Entscheidung Demokratie zum Wohle der Aufrechterhaltung von Missständen zu opfern ist der finale Punkt, an dem das Blatt zu kippen droht. Es kündigt den letzten legitimen Gesprächsfaden mit der Bevölkerung auf. Die bestehenden Fehler sollen geschützt werden, selbst zum Preis einer Negation von Grundrechten. Das legitime Recht auf Meinungsäußerung und Kundgebung wird verweigert. Der aufrechte Demokrat wird zum Verbrecher abgestempelt und durch die Polizei schikaniert. Die Botschaft ist saugefährlich. Es heißt soviel wie: Entweder Du bist fortan demütig oder du bist ein Verbrecher. Die Fehler im System bleiben sakrosankt, beschützt von einer im Dienst der Ordnung mitleidlosen Polizei, die keine Grundrechte verteidigt, sondern nur das bestehende System der herrschenden Plutokratie. Der Bürger der etwas ändern will, ist per se ein Verbrecher. Will sich dem doch nicht widerspruchslos hingeben, wird der vom Staat direkt in eine kriminelle Laufbahn hinein gehoben. Legaler Widerspruch wird verbaut und eliminiert.

Man ruft damit genau die Geister, vor denen man sich angeblich fürchtet. Und die Angst könnte irgendwann nur allzu berechtigt sein. Dann geht es jedoch nicht mehr darum sachlich seine Meinung zum Ausdruck zu bringen, sondern ums eingemachte. Der Gesprächsfaden ist aufgekündigt. Die politische Eskalation durch die Demonstrationsverbote, ist durch nichts so schnell wieder gut zu machen.

Und was bleibt, ist die Angst. Die ganz reale Angst der Menschen, die sich ausdrückt in dutzenden Retweets des Satzes. Dass man im Notfall nach der Presse schreit um die Taten einer nicht zu belangen Polizei wenigstens dokumentiert zu wissen. Dass ein Straftäter in Uniform dabei nachträglich gerügt würde ist unwahrscheinlich. Die Polizei maskiert sich bevor sich gegen Bürger vorgeht und sie trägt keine Erkennungsmerkmale. Sie ist genau der schwarze Block, vor dem man uns immer warnt. Und die Politik beschützt ihr tun, indem sie eindeutige Kennzeichen vehement ablehnt, um die Polizisten zu schützen, die laut Definition ja immer und stets die gute Seite vertreten. Damit wird Polizei etwas, das sich außerhalb des Gesetzes und außerhalb der von ihr verteidgiten Ordnung bewegt.

Deutschland ist angekommen bei einer Demokratieform die man schon als Einstieg in die “chinesische Demokratie” bezeichnen könnte. Grundrechte werden direkt durch die Polizei genehmigt oder verweigert. Menschen werden willkürlich aus Städten verbannt oder aufgrund einer erfundenen Gefahr misshandelt. Es geht nicht mehr länger um tatsächliche Probleme, sondern nur noch um zusammen fantasierte Ideale einer etablierten Ordnung. Den Untergang wenigstens anderen transparent zu machen, dazu könnte vielleicht noch die Presse etwas beitragen. Und vielleicht begreifen genügend Menschen, dass sie nicht stumm dabei bestehen dürfen, während das Unglaubliche erneut passiert.

 

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Von christlichen Werten, Christen, CDU, CSU, Piraten, Tanzverbot und Grundgesetz

Die Unionsfraktionen mit dem “C” im Namen legen gerne großen Wert darauf:

  • CSU und CDU vertreten die christlichen Werte, schon wegen des Namens
  • Deutschland ist ein Land der Christen und christlichen Werte
  • Andere Parteien wie die Piraten, vertreten diese Werte nicht und gefährden sie

Aber stimmt das wirklich? Ich sage: Nein, eher im Gegenteil.

Wenn wir uns die ersten Paragraphen unseres Grundgesetzes ansehen, dann finden sich darin wichtige christliche Grundwerte wieder. Der Mensch, in einer selbstbestimmten freien Existenz, wird in den Vordergrund gerückt. Das wiederum sind genau die Werte die auch die Piratenpartei in den Fokus rückt.  (siehe auch dieser längere Artikel).

Das spiegelt sich interessanterweise sogar in solchen Themen wie dem “Tanzverbot” wieder, bei dem es im Kern darum geht, dass nicht eine Gruppe eine andere in ihrer Freiheit und religiösen Selbstbestimmung beschränken darf. Die Piraten kritisieren das Tanzverbot ganz klar, denn es schränkt alle nicht gläubigen Christen in ihrer Freiheit ein, zugunsten einer Gruppe in der Gesellschaft, die ihre Freiheiten ausleben will. Dabei ist die richtige Lösung für mich klar: An diesen Feiertagen haben, die Christen unseren Respekt verdient in Ruhe und Besinnung ihrem Glauben nach zu gehen. Wenn in einer abgelegenen Location, in der kein Christ gestört wird, aber einige Leute öffentlich tanzen wollen, dann ist das ihr Recht. Und der Staat hat, aufgrund der Trennung von Staat und Religion, nicht die Aufgabe, die christlichen Werte von staatswegen her zu verteidigen indem er andersgläubige an diesen Tagen einschränkt, er kann aber sehr wohl den Christen einen Freiraum schaffen. Dieser Freiraum der Christen kann dabei aber nicht 100% der Öffentlichkeit für sich beanspruchen.

Genauso also wie es in abgelegenen Bereichen möglich sein muss, auch Rauchern eine Möglichkeit zur Pflege ihrer Lebensart zu geben, müssen Leute eine Möglichkeit haben tanzen zu können.  Dabei sind zwei Dinge entscheidend: Man muss die zwei Freiheitsansprüche entzerren und voneinander separieren, auch räumlich. Und es darf kein “andersdenkender” Anspruch darauf erheben, dass er wissentlich den für ihn “falschen” Ort besucht und dennoch einen Anspruch auf Durchsetzung seiner persönlichen Lebensart geltend macht.

Dass sich nun gerade die Kirchen und die christlichen Parteien auf die Seite pro Tanzverbot schlagen und die Piratenpartei die sich stark an der Selbstbestimmung, Toleranz und Verfassung ausrichtet, eher kritisch zum kategorischen Tanzverbot zeigt, ist interessant und offenbart einige Erkenntnisse.

Ich denke, wir müssen ganz sauber trennen, zwischen den “christlichen Werten” und dem “christlichen Glauben” auf der einen Seite und den “christlichen Kirchen” auf der anderen Seite. Es ist in der Tat zwei Paar Stiefel, was sich nicht zuletzt in der Vielfalt christlicher Kirchen zeigt, die gegeneinander im Widerstreit liegen, während jede ihre Machtansprüche geltend zu machen versucht. Der christliche Glaube, nach dem neuen Testament, lehnt diese Machtansprüche jedoch genau ab. Jesus Christus erscheint in weiten Teilen eher als Rebell, der sich gegen übergeordnete Machtstrukturen und Konventionen die den Menschen beschränken, zur Wehr setzt. Man kann Jesus durchaus auch als eine politische Figur begreifen, die die Aussöhnung, Freiheit und Selbstbestimmung jedes Menschen wieder in den Fokus gerückt hat. Alles Grundwerte die man überdeutlich auch in großen Teilen der politischen Arbeit der Piratenpartei wiederfindet.

Gleichwohl dürfte bei den meisten Piraten der offene Zugang zu Religion eher fehlen, aber das ändert nichts an der Tatsache dass es hier große Schnittmengen zwischen der Botschaft Jesu und der Botschaft der Piraten gibt. Allerdings unterscheidet sich das, was viele christliche Kirchen später aus dem Glauben konstruiert haben deutlich von dieser Botschaft. Genau auf diese kirchlich konstruierten Ideale setzen jedoch CDU und CSU. Sie sind damit zwar vom christlichen Glauben abgeleitet, aber nurmehr sehr entfernt und indirekt und verwoben mit Machtansprüchen, gegen die sich Jesus selbst deutlich gewehrt hätte. Die Piraten setzen nun kurioserweise genau an dieser Stelle wieder neu auf, jedoch ohne sich den Stiefel einer alten Tradition und eines Glaubens anzuziehen.

Das führt nun aber unter anderem genau zu dem Konflikt, dass die Freiheit und Toleranz, die eindeutig ein wesentlicher Kern der christlichen Grundwerte sind, in den Fokus gerückt werden, während Union und Kirchen eher auf ein Ordnungsprinzip pochen, das sich lediglich aus ihren Ritualen und Organisationsstrukturen, die nach Jesus kamen, ableiten.

Es wäre falsch die Piratenpartei als einen Glaubenskrieg darzustellen, jedoch ist es ein Wertekrieg, der sein Vorbild bereits in der Bibel und der christlichen Geschichte wiederfindet. Für mich entscheidend ist, dass die Piratenpartei deutlich näher am Kern des für mich wesentlichen Glaubensgrundsatzes der Christen liegt, als dies CDU, CSU oder viele Kirchen wohl jemals sein werden. Dies schließt aber eben genauso mit ein, dass man auch Andersdenkende toleriert, respektiert und ihnen eine Möglichkeit zur selbstbestimmten Entfaltung lässt. Damit verharren die Piraten nicht in einem Alleinstellungsanspruch und einer religiösen Prämisse. Diese wiederum lässt die christlichen Unionsparteien jedoch in einem seltsamen Licht erscheinen, denn obwohl sie sich als politische Partei versehen, stellen sie explizit die religiös abgeleitete Prämissen ganz vorne an und das obwohl sie sich ebenso zu einer Trennung zwischen Religion und Politik bekannt haben.

Wenn man am Ende nun wirklich auseinander dividieren will, welche Partei und welche politische Einstellung nun die christlichen Werte vertritt und welche nicht, so kann wohl keine Seite für sich in Anspruch nehmen, alleinig die christlichen Werte zu repräsentieren. Beide Seiten stellen widerstreitende Facetten eines Themenkomplexes dar. Während CDU und CSU sich jedoch mit ihrer “Kompetenz” in diesem Bereich brüsten, distanzieren sich die Piraten hier von irgendwelchen Ansprüchen. Damit bleibt, dass die CDU und CSU in ihrer Art anmaßend sind und die Piraten völlig zu unrecht kritisieren.

Und da nun liegt der Knackpunkt: Die christliche Borniertheit, wie ich es einmal nennen will, die sich weigert zu begreifen, was christlichen Glauben insgesamt ausmachen kann und damit an Kernkompetenzen eines Jesus Christus scheitert.

 

 

 

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Kein Wahlprogramm, keine Meinung, keine Ahnung

Programmlos, meinungslos, ahnungslos. Auf diese drei Elemente wird die Piratenpartei gerne reduziert, mit dem Hinweis, dass dann offenbar so viele die Partei nur aus Protest wählen würden, denn einen vernünftigen Grund gäbe es ja wohl nicht. Wer sich nicht selbst informiert, glaubt das wohl möglich sogar, dabei könnte es falscher nicht sein. Wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie die Piratenpartei in ihrem inneren aussieht und denkt, soll sich einmal die Zeit nehmen und diesen Text lesen. Wer es nicht so genau wissen will und nur nach griffigen Vorurteilen sucht, der kann sich hingegen das folgende Video ankucken und danach (oder wahlweise schon währenddessen) seinen Kopf abschalten.

Nicht KEIN sondern eher unvollständig

Nun muss man eine Sache gleich man vorweg klar sagen: Das Wahlprogramm der Piratenpartei ist nicht unbedingt als “vollständig” zu bezeichnen, wobei mir persönlich schleierhaft ist, welche Punkte exakt in einem Wahlprogramm drin stehen müssen damit es vollständig ist. Dass “alle gesellschaftlich relevanten Themen” darin vorkommen müssen, klingt hübsch, aber was bedeutet das? Muss ich wirklich jeden Aspekt, jedes Teils der Gesellschaft mit pauschalen Antworten abhandeln? Mir ist keine Partei bekannt, die dazu in der Lage wäre. Ist es nicht viel entscheidender, dass man die für die eigene Überzeugung und Aussage relevanten Themen behandelt, die auch für die Wähler die man ansprechen will, wichtig ist. Das schließt auch das eröffnen ganz neuer Themenfelder mit ein und gerade dadurch können sich Parteien eigentlich erst wirklich voneinander abgrenzen. Was brauche ich diverse Parteien die zu jeder Frage aus einem Standardkatalog nur sülzig süße Worte abliefert, von denen man weiß, dass ihnen das am Ende sowieso nicht so wichtig ist und kurz nach der Wahl dann sowieso das Gegenteil vom suggerierten passiert.

Aber ich weiß doch gar nicht wie die Partei dann entscheiden würde

Es ist völlig verständlich, dass man wissen will wen man da so wählt und für was er im Zweifel einzutreten bereit ist. Dabei hilft einem ein locker flockiges Wahlprogramm aber nur bedingt weiter, wenn es danach nicht als bindende Grundlage der politischen Regierungsarbeit verstanden wird. “Mehr Wohlstand für Alle. Mehr Sicherheit für Bürger. Eine intakte Umwelt. Sichere Renten. Bezahlbare Steuern. Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.” Auch ein mäßig begabter Werbetexter kann einem innerhalb weniger Tage ein komplettes und wohlklingendes Parteiprogramm zusammenbasteln, maßgeschneidert nach individuellen Details und Nuancen. Eine Partei kann sich das auch erstellen lassen, dann als “werbewirksam” und “vertrauensbildend” abnicken und sich fortan darin sonnen ein “komplettes Wahlprogramm” zu haben. Als Wähler kann man das Papier das dafür verschwendet wurde auch gleich auf der Toilette recyceln, denn es ist nicht aus der Masse und den Herzen der Parteimitglieder gewachsen und hat keine Basis in der Meinung und in den Taten der Abgeordneten.

Wie krisensicher sind die Parteien denn nun wirklich?

Wie verhält sich nun aber die Partei wenn sie in einer Krise in der Regierung ist? Nun, darauf liefern mir auch etablierte Parteien für gewöhnlich keine sinnvollen Antworten. Zum einen ist es gar nicht möglich alle möglichen Krisen mit abzudecken. Denken wir zum Beispiel an die Landung Außerirdischer. Zugegeben unwahrscheinlich, aber wenn es doch passieren würde, wäre es mir sehr wichtig ob die Regierung dann direkt auf die fremden feuern lässt oder ob sie versucht einen friedlichen Erstkontakt zu bewerkstelligen und mit welchen geschickten Maßnahmen sie dies versucht.

Deutlich konkreter wird es bei anderen Krisen, an die vorher kaum einer denken wollte. Bankenpleiten, Staatspleiten, Hungersnöte, Aufstände, Militärputsch, Super GAU, Chemieunfälle, Flugzugentführungen, Terroranschläge, Epidemien. Die Liste ist beliebig erweiterbar, aber alle diese Ereignisse sind derart unpopulär, dass (soweit mir bekannt) keine der “etablierten” Parteien auf diese Details eine genaue Erklärung zu ihren Zielen abgibt. Dabei würde es mich sehr wohl interessieren, wie man mit Massenevakuierungen eines katastrophalen Unfalls im AKW Krümmel umgehen würde. Würde man Hamburg evakuieren, wie würde man die Menschen entschädigen für den Verlust ihrer Heimat?

Interessante Gründe für offene Fragen

In der Tat deckt die Piratenpartei in ihrem Wahlprogramm noch nicht so viele Themenfelder ab, wie andere Parteien. Das hat jedoch verschiedene interessante Gründe:

  • Nur weil es keine Aussage in Wahlprogramm und Positionspapieren gibt, heißt das nicht, dass die Piraten dazu keine Meinung hat. Im Gegenteil. Meist gibt es eher zu viele Meinungen, die sich teilweise widersprechen, aber dabei auch kategorisch große Lösungsbereiche ausschließen. Damit haben die Piraten schon heute für viele Themen klare und robuste Überzeugungen, was sich moralisch verbietet, aber sind sich oft noch nicht sicher, wie das Optimum das man anstrebt genau aussieht.
  • Zu praktisch jedem Bereich haben Piraten auch eine Meinung. Das heißt, es gibt so viele interessierte und gut informierte Menschen aus so vielen Berufen in der Partei, dass sich jederzeit viele kluge Hinweise zu einer Frage finden lassen. Nur kann nicht jeder zu jedem Themen sofort etwas sagen und es gibt kein Pauschal-Antwortheftchen, das jeder in der Hosentasche mit sich herum schleppt. Und das ist auch gut so.
  • Nur weil ein einzelner Pirat zu einem Thema nicht im Namen der Partei eine Meinung kundtun kann, heißt das nicht, dass die Partei intern dazu noch keine Überlegungen angestellt hat. Insbesondere sind Vorstände oft eher in Verwaltungsarbeit eingebunden und nicht dazu da, als Meinungsvorreiter für andere aufzutreten.
  • Die Piraten insgesamt eint in großen Teilen eine ethisch-moralische Grundhaltung, die stark zentriert ist auf den Menschen an sich und daraus lassen sich viele Antworten (und ihre ethischen Konflikte) gut ableiten. Gerade weil die Piraten aber diese ethischen Konflikte auch ständig berücksichtigen, fallen Antworten oft so schwer. Man könnte auch sagen: Die Piraten denken an Viele und Vieles und es ist nicht einfach es möglichst vielen recht zu machen.
  • Banale Antworten helfen nicht weiter. Das wissen die Piraten sehr gut und deshalb lässt man für knifflige Dinge lieber Lücken als Platitüden abzudrücken.
  • Eine solide robuste Meinung braucht Zeit und Arbeit. Dabei haben die Piraten ein erstaunliches Tempo an den Tag gelegt. Sie sind zwar viel später gestartet, aber es wird nicht lange dauern, bis sie die anderen Parteien in sehr vielen Bereichen überholt haben werden.
  • Würden alle Programmanträge die von der Zielrichtung als grundsätzlich sinnvoll erachtet werden, sofort übernommen, würde das Wahlprogramm längst aus allen Nähten platzen. Oft ziehen aber die Antragsteller selbst ihre Anträge nochmals zurück um sie weiter zu überarbeiten, weil sich in der Diskussion neue Aspekte, Möglichkeiten und Chancen zur Kooperation auftun, die genutzt werden. Das spricht für eine sachlich orientierte, gewissenhafte und konstruktive Arbeit, lässt aber dann jedes mal zunächst wieder eine Lücke im Wahlprogramm.

 Das ethisch-moralische Grundprinzip

Wer sich einmal die Mühe macht einige Stunden lang einen der vielen großen Parteitage der Piraten auf Landes- oder Bundesebene anzusehen, die per Videostreaming leicht daheim am PC verfolgt werden können, dem werden erstaunliche Dinge auffallen. Erstmal ist es viel sachlicher und ordentlicher als man sich das vielleicht vorstellen mag und dann sind die Piraten auch fast schon pedantisch darin wie man miteinander umgeht und wie man sich Themen und Meinungen erarbeitet. Nicht selten kommen bei den Erörterungen zu einem Programmantrag zwei Dutzend Redner zu Wort, die jeweils eigene und neue Ansichten, Perspektiven und Details zu der Frage beizusteuern haben. Auch bei kritischen Fragen, entscheidet die Wahl am Ende dann jedoch oft in einer sehr sinnvollen und plausiblen Richtung.

Die Grundhaltung der Piraten ist dabei durchaus erstaunlich. Es ist fokussiert auf den Menschen selbst. Es stehen also gerade NICHT die Maschinen im Vordergrund (wie etwa die SPD bei den Piraten kritisiert), sondern der Mensch im Zeitalter der IT soll in den Mittelpunkt gerückt werden. Dabei geht es nicht um “juristische Personen”, Institutionen oder Wirtschaftsunternehmen, sondern um jeden einzelnen Menschen, also das Individuum.

  • Jeder Mensch ist wertvoll und gleichwertig
  • Es gibt keine illegalen Menschen
  • Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf
    • Existenz in Selbstbestimmung
    • Würde und Anerkennung
    • Informationserhalt und Informationsaustausch
    • eigene Meinung und Darstellung seiner Meinung
    • Teilhabe an Kultur und Gesellschaft
  • Menschen dürfen nicht
    • ausgebeutet werden
    • unterdrückt werden
    • verletzt oder geschädigt werden
  • Menschen sollen nicht normiert werden
  • Abweichungen bei Menschen dürfen nicht unterdrückt werden
  • Der Mensch als Individuum muss anerkannt und angenommen werden

Damit ist das Gefühl das bei vielen Piraten vorherrscht eine direkte Wiedergabe der Leitgedanken unseres Grundgesetzes. Genau genommen lebt das Grundgesetz durch die Piratenpartei wieder auf, nachdem es zwischenzeitlich durch die anderen Parteien mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten schien. Auf eine gewisse Weise sind die Piraten damit sehr konservativ, erscheinen aber wie Rebellen, denn die Welt um das Grundgesetz herum hat sich verändert und passt nun nicht mehr so ganz dazu. Die Piraten halten aber an den Kernaussagen des Grundgesetzes fest und sind damit für Manche unbequem.

Die hier gezeigte Aufstellung ist zwar meine persönliche Interpretation, leitet sich jedoch aus zahlreichen Beobachtungen von Piratenmitgliedern auf Parteitagen, Mailinglisten, Foren und Antragsportalen ab. Zur Plausibilisierung empfehle ich einen Blick in das Kurzmanifest zu werfen und sich auf den Webseiten der Piratenpartei einzulesen.

 Was kann man daraus nun konkret lernen?

  1. Es lohnt sich ab und an mal in das Videostreaming eines Parteitages hinein zu sehen oder es auch nur im Hintergrund laufen zu lassen um ein besseres Gefühl zu entwickeln. Das braucht ein wenig Zeit, ist aber viel solider als knappe Schlagworte.
  2. Heute schon gibt es teils sehr umfassende Wahlprogramme und viel Information im Parteiprogramm, in denen es zwar noch Lücken gibt, aber die schon viele wichtige und neue Themen aufgreifen. Zu noch wesentlich mehr Fragen gibt es recht substantielle Meinungswolken bei den Mitgliedern. Und hinter jeder Entscheidung, die man in der Presse oft nur mit wenigen markigen Worten umschrieben bekommt, stecken dutzende wichtige Details, Einzelaspekte und Ansichten, durch die sich erst die Entscheidung erklärt und  verstehen lässt. Das was man oft in der Presse hört ist damit meist nutzlos oder sogar grob irreführend, weil es selten die Kerngedanken transportiert, die für die Entscheidungsfindung maßgeblich waren..
  3. Man kann zu fast allen wichtigen Themen ableiten, wie sich die Piraten wohl entscheiden würden und in welchen Gewissenskonflikten sie wären. Man weiß also was die Piraten fragen würden, bevor sie sich entscheiden. Beispiel Afghanistan Einsatz der Bundeswehr. Die Piraten würden fragen: Wie können wir den Menschen helfen? Den Menschen dort, den eigenen Soldaten, uns daheim. Wie ließe sich am ehesten etwas positives erreichen, das die Grundrechte jedes Menschen schützt? Darauf gibt es aber kaum einfache und schnell Antworten.

Was bringen die Piraten wirklich Neues?

Den Piraten ist der Mensch als Individuum sehr wichtig. Sowohl der Staat, wie auch die Wirtschaft, sind nur Mittel zum Zweck um dem Menschen seine Existenz in Harmonie und Glück zu ermöglichen, wenngleich der Mensch zum Erreichen dieses Glücks selbst verantwortlich bleibt. Wer sich also primär als Mensch fühlt und weniger als Wirtschaftunternehmen oder als Ausführender eines wichtigen Amtes, der ist bei den Piraten schon mal sehr gut aufgehoben.

Die Piraten denken dabei nicht nur in den Werten unseres Grundgesetzes sondern fühlen sich auch ethisch verpflichtet, die Ansichten und Wünsche von denen mit zu vertreten, die das selbst nicht tun können. Das erschwert manche Entscheidungsfindung erheblich, ist aber eine essentielle Übung um auch wählbar zu sein.

Piraten sind weniger an Macht interessiert, sondern mehr an der Sache. Ein Thema gut aufbereitet und bei anderen Dingen offen zugegeben, dass man im Unrecht war oder keine Ahnung hat, ist sachlich konstruktiv und hilft einer gemeinsamen Aufgabe am meisten. Es lässt Piraten aber auch als fehlbar und unperfekt erscheinen. Piraten sind damit keine göttlichen Popstars. Sie sind keine Ellenbogen Alphatierchen, die ihr eigenes Unvermögen immer nur anderen unterschieben wollen. Dadurch sind sie angreifbar oder erscheinen vielen sogar als schwach. Sie pflegen damit jedoch, unter vollem Einsatz, einen Lebensstil für ein Miteinander, das weit über politische Überlegungen hinaus geht. Dabei sind Piraten so imperfekt wie Menschen eben sind und fühlen sich auch durchaus mal beleidigt oder missverstanden. Es geht aber genau darum: Dass der Mensch wieder seiner Natur entsprechend sein darf, aber eben eine grundsätzlich freundliche Art und einen gegenseitigen Respekt an den Tag legen muss.

Mit diesen Eigenschaften kann man die Piraten durchaus als “Nerds”, “Weicheier”, “Softies” bezeichnen und sie passen nicht so recht in unsere Welt, die von Kapitalismus, Durchsetzungsstärke, Ausbeutung, Ellenbogenaufstiegen und Unfehlbarkeitswahn geprägt ist. Und genau das ist es, was die Piraten wirklich neues bringen. Es ist die innere Zuversicht, nicht machtgeil zu werden, keine Personenkulte zu zelebrieren, keine Wahlversprechen über Bord zu werfen, nicht den eigenen Vorteil zu suchen, stets zu versuchen durch Wahrheit und Offenheit zu überzeugen und dabei immer den Menschen zu sehen, um keine Entscheidung zum reinen Verwaltungsakt verkommen zu lassen.

Damit sind die Piraten die Antworten auf viele Zukunftsdistopien und genau die Lösung auf die viele schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatten.

 

Noch ein paar Links zum weiteren Lesen:

 

Updates:

Telepolis mit einigen sachlich der dienlichen Erklärungen zu “Urheberrecht” und “geistiges Eigentum” nimmt Stellung zum Angriff von Westerwelle auf die Piraten

Auch noch was schönes von Volker Pispers

 

 

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Gesellschaftlich urinierte Konflikte

Ein lustiges Filmchen, eine nette Idee. Nicht ganz neu aber einmal konsequent durchprobiert.
Wir tun mal so als ob wir irgendwo hin urinieren und warten darauf das sich jemand darüber aufregt.
Nett anzusehen … aber danach sollten wir uns mal ernsthaft unterhalten.

Spannend daran finde ich die Wertefrage die dem ganzen zugrunde liegt. Intuitiv hätten viele Menschen hier vermutlich ähnlich entschieden wie die Polizisten. Insofern wollen wir ihnen mal nicht vorschnell einen Vorwurf machen. Sie sind letztlich nur die ausführende Kraft die das tun was ändere denken dass getan werden sollte. Menschen die einfach auf die Straße urinieren müssen gestoppt werden.

Aber ist das wirklich so? Zu urinieren ist ja keine gänzlich freie Willensentscheidung. Man kann es sowieso nur, wenn man eine ausreichend gefüllte Blase hat. Und man muss es tun, wenn die Blase zu sehr gefüllt ist. Irgendwann hat man schlicht kaum noch eine Alternative. Eine Wasserflasche auf die Straße zu leeren ist hingegen sogut wie immer eine völlig freiwillige Tat. Was hat also die größere Berechtigung?

Andersherum gehen wir mal davon aus, dass Urin auf der Straße nicht so lecker riecht, gerade wenn sehr viele Leute es tun. Bei Wasser aus einer Flasche ist das anders. Doch gibt es zahllose Flüssigkeiten, die in größeren Mengen verschüttet auch nicht so lecker sind. Also 300 Leute die Bier vor meinem Haus verschütten, wäre auch nicht gerade so toll. Was in der Flasche ist, wissen wir im ersten Moment nicht so genau. Es könnte auch Vodka sein. Ist es wirklich Wasser, dann zugegeben, kann man wenig sagen. Wasser ist wohl die einzige Flüssigkeit die outdoor allgemein akzeptiert wird, weil wir gar keine Wahl haben. :-)
Aber zurück zum Urinator. Der Reaktion der Cops nach ist jemand der sich Erleichtert und seine Notdurft verrichtet in der öffentlichen Meinung ein “Bösewicht”, zumindest ein kleiner Bösewicht. In den Worten Notdurft und Erleichtern stecken aber doch schon die wichtigen Schlüsselideen. Da geht es jemand nicht gut, er ist in einer Notlage und er löst dadurch ein dringendes Problem.

Es stehen hier also zwei Bedürfnisse gegeneinander und solche Beispiele sind deshalb so wertvoll, weil sie stereotyp für wichtige moralische Überlegungen sind. Das interessante ist, wie man sich mit der Frage auseinander setzt. Die zwei typischen Optionen die allzu häufig genutzt werden sind:
1) “Hey mir doch egal, ich piss da jetzt hin, weil ich muss!” und 2) “Hey sie dürfen nicht einfach so da hin pinkeln.”
Dabei steckt in 1) oft noch 1a) als wichtige Unteroption “Hey ich pinkel jetzt da hin, weil ich keine Ahnung hab wo ich aufs Klo gehen kann.”

Der böse Urinator ist nicht selten derjenige der sich vorher schon länger mit dem Problem befasst hat. Er/sie haben Möglichkeiten gesucht das Problem gesellschaftskonform zu bewältigen, sind aber gescheitert. Die Schlange an den Toiletten war viel zu lang, es gab zu wenige Toiletten, es gab garkeine Toiletten, man hat ihn dort nicht drauf gelassen oder vielleicht wollte man auch nur Wucherpreise dafür. All das sind mögliche Gründe, wieso er/sie immer noch in dem Problem ist. Dann irgendwann aus purer Not die Straße als Urinationsort zu benutzen ist nicht weiter verwerflich, aber stört trotzdem. Was könnte man also tun?
3) “Hey Sie da, benutzen sie doch die Toilette dort hinten!” 4) “Hey, bitte machen sie das wenigstens hinter einem Busch!” 5) “Ok, lassen sies ruhig laufen, die weigern sich seit Jahren hier ausreichende Toilettenanlagen zu bauen.”

Denn gerade bei Grossveranstaltungen ist das Problem oft frappierend. Wenn man von der Toilette kommt, sollte man sich oft sofort wieder anstellen damit man rechtzeitig wieder dran ist, nach 40 Minuten. Die Zustände auf den Toiletten sind nicht selten unzumutbar. Und man fragt sich ernsthaft, wieso es sich wirtschaftlich lohnt seine Gäste so schlecht zu behandeln zumal gerade die Frauen die Sache nicht einfach durch Strassenurination lösen können. Hier zeigt sich nämlich eine Ungerechtigkeit und es tut sich eine Genderdebatte auf. Männer haben es immer noch irgendwie einfacher. Sie haben mehr Optionen. Zwar machen sie sich damit oft unbeliebt, aber bevor man in die Hose macht, ist das immer noch die bessere Option. Denn Hosenpinkler sind gesellschaftlich auch nicht akzeptiert.

Im Endeffekt kann die Konsequenz oft nur lauten, sich zu entscheiden: a) Nichts mehr zu trinken und den Konsum zu verweigern, b) den Ort der Toilettenlosigkeit schnellsten zu verlassen, c) das Wildpiseln (als Mann) genussvoll als Lösung zu akzeptieren oder d) überall und immer ausreichend Toilettenanlagen zu bauen, diese gut auszuschildern, zugänglich zu halten und diese auch ausreichend zu pflegen sodass jeder sie immer gerne Benutzt.

Denn mir erschließt sich nur eines aus der Überlegung: Es gibt ein Grundrecht auf frei zugängliche Toiletten. Wenn jemand auf der Straße steht und dringend muss, dann muss er eine Chance haben, dass sinnvoll zu lösen. Wenn das nicht geht, dann steht es ihm offen sich anderweitig zu behelfen. Die Pflicht sinnvolle Toiletten zu bauen erlischt damit jedoch nicht.

Klingt jetzt vielleicht lustig, aber auch das wurde schon thematisch bei programmatischen Treffen der Piratenpartei diskutiert. Bisher passte das Feintuning in der Diskussion zu dem Punkt noch nicht, wodurch er immer wieder nach hinten rutschte, aber doch, es ist ein Thema und es hat genau mit den Grundrechten und den anzustrebenden gesellschaftlichen Lösungen für Konfliktbereiche der Gesellschaft zu tun.

Jetzt muss ich leider aufhören zu schreiben … ich muss schon seit drei Absätzen dringend aufs Klo :-/

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Der unschuldige Künstler: Wie sich Gier, Kultur und Freiheit im Wege stehen

“Welche Stunde hat es geschlagen?” Dazu braucht man nicht nur eine gute Uhr, sondern muss auch wissen wo man sich gerade befindet, da das Zeitzonendurcheinander über die Jahrzehnte hinweg doch beachtlich ist. Handelt es sich bei solchen Informationen nun um ein allgemeines Gut das für die breite Öffentlichkeit frei nutzbar sein muss oder kann man bei diesen Informationen auf geistiges Eigentum pochen? Zwar stand hier ein Rechtsstreit an, aber leider wurde hier nicht gerichtlich entschieden.

(siehe auch Heise: Rechtsstreit um Zeitzonen-Datenbank beigelegt )

Ich möchte soetwas ja damit vergleichen, dass man Straßenschilder durch verschlüsselte Codes ersetzt und die Entschlüsselung an Patente bindet und dafür Lizenzkosten verlangt. Und es bringt mich zum Grundsatz zurück, dass Patente und Urheberrecht nicht auf solche Dinge angewendet werden dürfen, die für das tägliche öffentliche Leben essentielle Grundlagen darstellen. Zumindest nicht dergestalt, dass dadurch der Zugriff durch die Allgemeinheit behindert wird. Über die Grenzen, ab wann etwas Gemeingut ist, dürfen wir streiten, aber der Grundsatz dass es öffentliche Ressourcen gibt, die für alle frei nutzbar und zugänglich sein müssen ohne Hürden oder Vorbedingungen, muss gewährleistet sein. Das darf man insbesondere bei Diskussion wie um ACTA nicht aus dem Blick verlieren. Zu leicht gibt man sich der Illusion hin, dass das doch alles “klar” und “logisch” wäre und bisher auch funktioniert habe. Wir erwarten, dass unsere Welt doch nicht einfach aus den Fugen geraten könnte, wenn man nur fest genug daran glaub mit guten Absichten zu handeln. Legt man aber immer schärfere Waffen parat mit denen zu wirtschaftlichen Zwecken Lizenzverstösse verfolgt werden können, so beschwört man damit auch völlig ungeahnte Probleme herauf. Denn früher oder später wird in einem kapitalistischen System jemand versuchen die neuen Möglichkeiten gewinnbringend einzusetzen und zwar insbesondere bei den Dingen die wir bisher für Allgemeingut hielten. Aus wirtschaftlicher Sicht stellt dies lediglich “ungenutzte Ressourcen” dar, für die es einen Claim abzustecken gilt. Wie ein Stück Wald das bislang keinem so recht zu gehören schien, in dem einfache Leute ihre Pilze und ihr Brennholz sammelten oder einfach nur spazieren gingen, kann eine neue gesetzliche Regelung plötzlich eine Kontrolle finanziell lukrativ machen, die bislang als Public Domain toleriert wurde. Und eines Tages sind dann rund um den Wald Selbstschussanlagen aufgestellt, weil man es doch nicht akzeptieren darf, wenn Verbrecher dort einfach Pilze stehlen und für umsonst meinen die Waldluft geniessen zu können. Hart gegen “Verbrechen” vorgehen, schreiben sich immer mehr Initiativen auf die Fahnen. Dabei ignorieren sie aber bewusst alle anderen Werte und gesellschaftlichen Ziele und stellen monetäre Interessen in den Vordergrund. Fast wie in einem Kabarettprogramm des Künstlers Gerhard Poldt, als der Tankstellenbesitzer mit einer Schrotflinte gegen Kinder vorgeht, als die sicht verdächtig an seinem Gummibärchen-Automaten zu schaffen machen.

Bei der ganzen Debatte um Urheberrechte, Patente, Lizenzen und geistiges Eigentum ist es wichtig sich einmal die verschiedenen Grundwerte vor Augen zu führen die damit in Kontakt stehen. Neben den berechtigten Interessen der Künstler und Kreativen sind dies sicherlich auch gewisse wirtschaftliche Erwägungen durch die Investitionen “geschützt” und refinanziert werden können. Das Argument, dass auch die Verwertungsindustrie eine gewisse Daseinsberechtigung hat um die Vorfinanzierung großer Projekte zu ermöglichen, muss man keineswegs ganz vom Tisch wischen.

Dem gegenüber stehen jedoch ganz grundlegende Freiheitsrechte, die man in keinem Fall als Kollateralschaden eliminieren darf. Freiht steht dem Urheberrechtsstreben nicht grundsätzlich direkt entgegen, aber beides kann sich nur allzu leicht in die Quere kommen ohne dass es sich um direkte Kontrahenten handelt. Somit besteht Hoffnung, dass sich beides in Kompromissen vereinigen lässt, sobald die grundsätzliche Existenz von Beidem Anerkannt wird. Nur um wirtschaftliche Interessen zu schützen darf man jedoch keine Freiheitsrechte verletzen. Sowenig darf ein Polizist in einer Bank wild um sich schießen in der Hoffnung damit auch den Bankräuber zu treffen, wenn dabei Unbeteiligte gefährdet werden. Und man darf nicht pauschal einer ganzen Schule Hausarrest geben, weil man den Verdacht hat am Schulhof würden “illegale Kopien” getauscht und dadurch die erwarteten Gewinne geschmälert. Damit ist die Freiheit, zusammen mit allen Grundrechten, ein Grundsatz der nicht verhandelbar ist, der oberste Schutzpriorität genießt und mit dem sich Urheberrechtsmassnahmen irgendwie arrangieren müssen, auch wenn es sie nerven mag.

Genauso aber darf man auch das Gemeinwohl nicht außer Acht lassen, denn daher kommt das ursprüngliche “Copyright” und “Patentrecht” als Idee. Man will dass sich Erfindungen und Entwicklungen für den kreativen Kopf lohnen und er dadurch angespornt und am Leben gehalten wird. Aber letztlich tut man dies nicht primär um einen Künstler zu Reichtum zu verhelfen, sondern um für die Allgemeinheit ein Optimum zu erreichen. Das heißt, dass man durch Kreativität durchaus reich werden darf und soll, aber es ist nicht das primäre Ziel, das den Überlegungen zugrunde liegt, Die Werke stehen der Öffentlichkeit für den kulturell kreativen Evolutionsprozess zur verfügung und befördern kaskadierende Entwicklungen. Der Künstler wird dafür angemessen entlohnt, sodass er auch fortan weitere Schöpfungsakte leisten kann.

Gleichzeitig sollen jedoch auch Künstler untereinander auf ihre Werke und Kulturgüter aufbauen und die Gemeinschaft damit optimal profitieren. Zugangshürden und Beschränkungen haben in dieser Überlegung eigentlich keinen Platz. Sie stehen dem Ideal sogar sehr deutlich im Wege und sind allenfalls, sehr begrenzt, ein akzeptables notwendiges Mittel um einen ausgewogenen Weg zu beschreiten, der der Gesellschaft maximal nützt und den Künstler in dem dafür notwendigen Maße sinnvoll entlohnt und anspornt. Primäres Ziel dabei ist aber das Gemeinwohl zu maximieren, nicht die Gewinne des Künstlers oder gar einer Verwertungsmaschinerie.

Die Maxime der heutigen Gesetzesinitiativen hat aber genau das nicht im Blick, sondern zielt allein auf geistige Protektorate ab mit denen Erlösmodelle geschützt werden. Das Gemeinwohl bleibt hier weitgehend aussen vor und unberücksichtigt. Man arbeitet also nicht unbedingt gegen das Gemeinwohl, aber es ist auch kein Ziel und kein Teil der Überlegungen und Massnahmen. Man scheint es schlicht vergessen zu haben. Der Kapitalismus hat seine Basis aus den Augen verloren, aus der er hevor gegangen ist und auf dessen Fundament er baut. Das ist ein weitraus größeres Problem, welches sich im Urheberrecht nur symptomatisch äußerst.

Dass eine Gesellschaft nur durch Kultur existiert und diese Kultur einem ständigen Evolutionsprozess unterworfen ist, kann man sehr schön in dem vierten Teil von “Everyhting is a Remix” sehen. Wir dürfen niemals vergessen, dass kreative Entwicklungen keineswegs aus dem Nichts erscheinen. Sie sind immer eine Folge von Modifikationen, Adaptionen, Rekombinationen und Schlussfolgerungen. Diese Prozesse funktionieren aber nur dann wenn auf ausreichend vorhandenes Ausgangsmaterial zurück gegriffen werden kann und dieses auch in einem breiten Gesellschaftlichen Bewusstsein existiert und für Jedermann zugänglich ist. Leicht zeigen lässt sich dies an guten Witzen, die nur funktionieren, wenn man über Hintergrundwissen, insbesondere zu gesellschaftlichen Stereotypen, informiert ist und hier Zuhörer und Erzähler auf die gleiche kulturelle Basis zugreifen können. Wenn Sie nicht wissen was ein “Palomdaner” und ein “Nelotze” ist, weil beides geschützte Begriffe sind für die Gebühren und Lizenzen notwendig werden, dann kann man auch keine Witze erfinden oder populär machen die anfangen mit: “Geht ein Palomdaner und Nelotze eine Beritze entlang und da sehen sie einen Spunk.” Das Wort Spunkt sollten sie allerdings kennen, denn das ist Kulturgut.

Wie ist es nun also mit Worten wie “Spunk” oder erfundenen Figuren und Geschichten. Soll man sie der kulturellen Evolution entziehen, indem man sie wegsperrt und erzwingt, dass jeder der sie nutzt auch eine entsprechende Lizenz dafür entrichtet. In der Praxis wird dies dazu führen, dass diese Elemente, diese Symbole und Memen aus dem kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft getilgt werden, anstatt sie zu bereichern. Aber wer sollte ein Interesse daran haben? Es ist eine destruktive Idee die nur einen Vorteil bringt: Gewinn. Und seien wir mal ehrlich.

Das Idealbild eines Künstlers ist nicht, dass er vornehmlich versucht Gewinne zu machen. Ist ein kreativer Akt nicht immer auch mit einer idellen Idee gekoppelt? Diesen Ursprung des künstlerischen Schaffens, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Die Idee um eine gute Sache und eine Botschaft, darf nicht aus dem Blick geraten. Eine Bereicherung der Kultur mit einem Gedanken, einer Botschaft, einer Geschichte mit Moral. Das ist doch der wesentliche Ursprung echter Inspiration, abseits von jeglichen anderen Nebenbedingunen.

Ich möchte nun nicht behaupten, dass es für einen Künstler Belohnung genug sein müsste, wenn seine Botschaft gehört wird. Natürlich ist insbesondere auch ein Künstler in einem kapitalistischen System gefangen. Es ist somit auch das Problem, dass er Geld benötigt um in der Gesellschaft überlebensfähig zu sein. Diese Gesellschaftsordnung haben sich wenige Künstler so ausgesucht, aber fast alle müssen sich ihm wohl oder übel unterordnen. Aber dennoch ist der Ursprung des Schaffens von wirklich kreativen Küsntlern nicht das Streben nach Geld. Das Unterscheidet sie ganz wesentlich von der Verwertungsindustrie und noch mehr von einem Investmentbanker. Das Geld ist Mittel zum Zweck und notwendiges Übel für das Überleben. Die Botschaft und die Idee sind das eigentlich Ziel des Strebens.

Damit ist es dem prototypischen Künstler wichtig, dass seine Botschaft sich als Meme in der kulturellen Evolution wiederfindet und weiter lebt. Eine Idee die parodiert und weitergestrickt wird ist Kult. Dazu muss sie aber zugreifbar, verfügbar, referenzierbar und jedem aufzeigbar sein. Das martialische Verfolgen von Urheberrechtsverstößen ist somit einem echten Künstler eher ein Dorn im Auge. Es ist vielleicht ein notwendiges Übel, aber dadurch ergeben sich zahlreiche Nachteile für das eigentliche küsntlerische Ziel. Die Botschaft kommt nicht mehr an. Anders sieht es hingegen für die Verwertungsindustrie aus, denen idelle Botschaften relativ egal und nur Mittel zum Zweck sind. Ihr eigentliches Ziel ist das Realisieren und Sichern von Gewinnen. Und damit ergibt sich auch das differenzierte Bild. Bestrebungen wie ACTA, PIPA und SOPA sind nicht das Werk von Künstlern, sondern von Verwertern. Es wird hier nicht das Allgemeinwohl und die kulturelle Evolution gefördert, sondern das Gewinnstreben protegiert. Freiheit und Grundrechte sind hierbei oftmals lästig und im Weg. Am Ende darf sich nicht das wirtschaftliche Interesse an die Spitze allen Tuns und Handelns setzen, sonst zeigt der Kapitalismus nur einmal mehr seine hässliche Fratze.

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Wo sind die digitalen Diebe?

Eine gerne formulierte These lautet: “Wer Urheberrechte und geistiges Eigentum nicht würdigt, der begeht einen Diebstahl und ist ein Verbrecher!”

Diese Diskussion ist insbesondere rund um ACTA und SOPA erneut aufgeflammt und weiterhin ungeklärt. Bisher bewegt sich die Diskussion auf einer Linie die direkt importiert ist aus einer physikalischen Welt in der jeder sich unter “Diebstahl” und “Raub” etwas konkretes vorstellen kann. Dabei werden die neuen Gegebenheiten einer digitalen Welt völlig ignoriert.

Was ist ein Dieb im konventionellen Sinne?
Ganz banal, ist das Jemand der einen Gegenstand der sich im Besitz von jemand anderem befindet weg nimmt, ohne Erlaubnis dazu. Dies kann man juristisch noch deutlich filigraner ausformulieren und differenzieren. Im Kern ist es aber das was wir im Kopf haben, wenn wir von Diebstahl sprechen. Wesentlich dabei sind zwei Aspekte: 1) Der Dieb bereichert sich an dem Gegenstand. Der Akt des Stehlens bringt ihn also in eine bessere Situation. 2) Der ursprüngliche Besitzer wird entreichert, gerät also in eine ungünstigere Situation. 3) Die Handlungsinitiative lag beim Dieb, der einen Vorteil daraus zieht. 4) Der ursprüngliche Besitzer, dessen Situation sich verschlechtert, hat die Veränderung nicht gewünscht und nicht verursacht.

Kurzum, jemand handelt um danach “MEHR” zu haben, während ein anderer passiver einen Nachteil daraus hat. Mit dieser recht intuitiven Definition fallen viele Situationen im Kapitalismus deutlich in die Nähe des Diebstahls. Die in Verruf geratenen Investmentgeschäfte, aber selbst so “solide” Dinge wie der reguläre Aktienhandel erfüllen nicht selten die genannten Eigenschaften weitgehend. Jemand ergreift die Initiative und bereichert sich zu Ungunsten eines anderen, der dafür die Zeche zahlen muss. Jeder erwirtschaftete Gewinn im nicht realen Markt funktioniert genau so. Jeder durch Zinsen gemachte Gewinn, geschieht auf Kosten von Anderen, ohne dass man selbst etwas wesentliches produziert hätte. Das was solche Geschäft “legalisiert” ist der Konsens. Der “Bestohlene” muss also der Entreicherung zustimmen und segnet sie damit ab. Der Trick besteht nun darin, diese Zustimmung freiwillig aussehen zu lassen, aber gleichzeitig doch abzunötigen, indem man geschickt die Situation so gestaltet, dass der Entreicherte kaum eine sinnvolle Wahl hat. Dadurch entsteht eine Grauzone die dicht am Diebstahl operiert, aber die den Großteil der “glorreichen” Gewinnsteigerungen von Großunternehmen ausmacht. Dies alles nehmen wir aber mit einem Schulterzucken hin und sagen: “Die Welt ist eben so und wir glauben an den Kapitalismus und den freien Markt.”

In gleichem Tenor wird nun aber angeprangert wenn sich Einzelne einfach etwas nehmen und nicht bereit sind dafür zu bezahlen. Besonders stereotyp wird hier der Diebstahl von Musikstücken ins Feld geführt. Dabei nimmt sich der sogenannte “Raubkopierer” oder auch “Pirat” etwas um einen Vorteil daraus zu gewinnen. Er gelangt in den Besitz eines Bitmusters, das dazu geeignet ist um akustische Informationen zu repräsentieren. Er kann diese Klanginformationen anhören und dadurch einen ästhetischen Genuss für sich verbuchen, sofern die Klangfolge die dem Bitmuster entspringt dafür geeignet ist. Ob das klappt, hängt letztlich auch am persönlichen Geschmack und lässt sich erst dann sicher sagen, wenn es ausprobiert worden ist. Damit gibt es eine bedingte Bereicherung, die davon abhängt von die Musik wirklich gut und passend ist und ob die Musik als solchige überhaupt genutzt und angehört wird. Das reine Kopieren von Musik ist nur eine potentielle Bereicherung, die mehr Möglichkeiten eröffnet.

Was steht nun aber auf der anderen Seite dem gegenüber. Die Quelle von der das Bitmuster kopiert wurde ist nicht etwa verschwunden, wie das Wort “Diebstahl” suggerieren möchte, sondern kann unverändert fortbestehen. Die Musik ist somit nicht wirklich “entwendet” und verschwunden. Ein direkter konventioneller Schaden für den Besitzer des Originals kommt nicht zustande. Er hat nicht weniger, er wurde nicht “beraubt”. Der Verlust ist durch nichts zu erkennen, außer durch einen Faktor den man als “Neid” bezeichnen könnte. Jemand anderes hat jetzt auch etwas, was er vorher nicht hatte. War man zuvor vielleicht der Einzige der etwas besaß und damit den anderen gegenüber privilegiert, so ist man nun nur noch einer von Vielen. Geraubt wurde also eventuell etwas vom Ego des ursprünglichen Besitzers. Dem Musikgenuss sollte dies typischerweise aber keinen Abbruch tun. Das was der neue zusätzliche Besitzer nun dazu gewonnen haben könnte, hat der ursprüngliche nicht verloren. Er hat nur an strategischer Überlegenheit eingebüßt. Wieso versucht man es dennoch “Diebstahl” zu nennen?

Das was man uns erzählen möchte ist, dass man hier “den Künstler” beraubt, der sich das Werk ursprünglich mühsam erarbeiten musste. Dieser hat doch schließlich ein Recht auf adäquate Belohnung. Das möchte ich auch in keiner Weise in Abrede stellen. Wohl gemerkt wurde aber der Künstler nicht direkt beraubt. Man hat ihm nur etwas nicht gegeben was ihm angeblich zusteht. Noch konkreter hat man mit dem Künstler typischerweise nicht viel zu tun, sondern nur mit einer riesigen Verwertungsmaschinerie die die Urheberrechte für die Künstler ausschlachtet und ihnen ein gewisses Almosen davon zukommen lässt. Dennoch sind es die etablierten Strukturen, die wir als “richtig” und “unentbehrlich” akzeptieren, weil es oft das Einzige ist was wir kennen. Das gewachsene System der Verwertungsindustrie ist für uns zu einzig legitimen Umsetzung geworden wenn es darum geht dass Künstler für ihre Leistung eine Gegenleistung erhalten sollen. Kurzum gesagt ist das aber natürlich frei erfunden. Es ist nur eine beliebige Möglichkeit unter Vielen. Einzigartig wird sie nur dadurch, dass hier bestimmte Konzerne an Schlüsselpositionen sitzen, die sie verlieren würden, wenn sich irgendwas an diesem System verändert. Der Küsntler an sich könnte auch auf andere Weise entlohnt werden. Der Gesetzgeber hätte hier zahllose Möglichkeiten um verschiedene Entlohnungssysteme zu etablieren. Aus dem Spiel wären dabei aber die Großkonzerne die an der Verwertung der Künstler heute nur “mitverdienen” durch Dienstleistungen die sie im Namen der Künstler erbringen.

Wer heute Musik “raubkopiert” schädigt in erster Linie diese Verwertungsmaschinerie und erst in zweiter Linie den Künstler. Vielfach wird das Kopieren von Musik heute kaum anders betrieben als eine kostenlose “Preview” zu erhalten, die man oft ausdehnt zu einer “Gelegenheitsnutzung” für die man keine passende Möglichkeit hat sich erkenntlich zu zeigen. Für die Musikstücke aus denen man jedoch einen echten umfassenden Genusszuwachs zieht, zeigen sich Nutzer meist jedoch sehr wohl erkenntlich. Wie nach einem leckeren Mahl in einem Restaurant wird bezahlt wenn man sich an etwas satt gehört hat und es schmeckt. Sieht man sich die Mahlzeiten aber nur mal kurz an und probiert hier und da herum, so will man auch nicht dafür bezahlen. Das früher genauso, nur musste man sich da die Schallplatten bei Freunden anhören oder von ihnen ausleihen. Wirkliche Entlohnung ließ man aber nur denjenigen Künstlern zuteil werden die man wirklich schätzte und respektierte. Wie bei guten Freunden kann man aber nur eine gewisse Anzahl solcher Lieblingskünstler haben und so verwundert es nicht, dass die in Musik investierte Geldmenge nicht gewachsen ist, obwohl die Zahl der verfügbaren Musikstücke auf den eigenen Abspielgeräten, deutlich gewachsen ist. Der Vorgang des Kopierens hat nur deshalb Zugenommen, weil die Welt sich verändert hat. An der inneren Einstellung der Menschen hat sich unbedingt viel geändert.

Was sich jedoch geändert hat, ist die Idee der Verwertungsindustrie. Und hier kommen wir zum Aspekt des Diebstahls zurück, mit dem sich Gewinne erwirtschaften lassen. Die Idee des Musikmarktes ist nämlich ganz einfach: Man macht die Menschen süchtig nach einer bestimmten Musik und wenn sie diese dann benötigen verkauft man sie ihnen. Musik verhält sich dabei anders als Äpfel oder Brot. Es sind sozusagen Unikate. Einen bestimmten “Tophit” gibt es nur ein einziges Mal und nur einer kann es einem letztlich verkaufen. Damit ist das ganze ein Art Monopol. Der Verkauf nun ist konkret eine monetäre Entreicherung des Käufers, zu Gunsten einer potentiellen Bereicherung durch Musikgenuss. Der Käufer verliert dabei etwas nämlich Geld, denn der normale Konsument kann Geld nicht einfach so erschaffen, erfinden oder kopieren (im Gegensatz zu großen Banken). Auf der anderen Seite verliert der Musikverwertungskonzern konkret gar nichts. Er kopiert einem lediglich etwas und das ist technisch heute so einfach, dass die Aufwendungen dafür im Mikrocentbereich liegen. Würde der Konsument diesem Vorgang nicht “freiwillig” zustimmen, so wäre das konkret ein dreister Diebstahl bei dem das Unternehmen dem Konsumenten Geld aus der Tasche zieht. Aber natürlich kaufen wir heute die Musik “freiwillig” … sollten wir meinen. Aber wir freiwillig kann dies wirklich sein, wenn wir gar keine Alternativen haben. Wir erinnern uns: Der Trick liegt darin, die Situation so zu gestalten, dass man die Zustimmung zum Diebstahl erzwingt. Fraglos ist dies auch hier eine Grauzone, aber die Nähe zum Diebstahl ist nicht abzustreiten. Streiten kann man über die feinen Unterschiede und Details.

Nun, wo liegt der Verlust für das Unternehmen, wenn jemand die Musik einfach so kopiert, ohne sich dafür Geld aus der Tasche ziehen zu lassen? Ganz konkret gesprochen: Dem Unternehmen “entgeht” ein Gewinn. Genauso entgeht einem Kioskbesitzer ein Gewinn, wenn zwei Straßen weiter ein mobiler Würstchenverkäufer die Kioskkunden schon abfüttert in dem er Würstchen verschenkt. Genauso sind Künstler die abseits der Verwertungsmonopole auf eigene Faust agieren und den Konsumenten neue Alternativen bieten, den Großkonzernen ein Dorn im Auge, denn auch dadurch entgeht ihnen ein Gewinn. Die Rechnung ist einfach so: “Was könnten wir theoretisch verdienen, wenn wir jedes einzelne Musikstück, das irgendwer irgendwie lädt, nutzt, kopiert, anhört, besitzt einen bestimmten frei festlegbaren Kaufpreis bekämen?” Diese Summe nun ist der “theoretisch zu erwirtschaftende Gewinn. Bleibt man unter dieser fiktiven Zahl, so ist das ein “Verlust”. Die Industrie grämt sich also, dass die frei erfundenen Gewinnmöglichkeiten nicht realisieren kann. Ein typisches Problem vieler großer Unternehmen heute, die sich Dinge ausdenken, die praktisch nicht funktionieren und für die irgendwer anderes die Schuld tragen soll. Dabei ist jedes MP3 File das jemand herunterlädt ohne zu bezahlen ein “Verlust”, egal ob derjenige es auch anhört und egal ob derjenige es auch geladen hätte wenn er dafür einen bestimmten Preis hätte zahlen müssen. Würde diese Überlegung stimmen könnte man einen Musikverwerter in den Ruin treiben indem man Tag- und Nacht Festplatten kopiert und danach wieder überschreibt. Faktisch wird er dies jedoch nicht bemerken und die ganze Argumentationskette ist frei konstruiert, nach dem Motto “widde widde wid, grad wie es mir gefällt”.

Das jedoch andererseits ein faktisches Problem besteht, wenn wirklich Niemand mehr bereit ist für Musik Geld zu investieren, möchte ich gar nicht abstreiten. Allerdings könnte man auch dann noch argumentieren: Vielleicht gibt keiner mehr Geld, weil die Musik niemanden mehr begeistert. Ganz so schwarz/weiß muss man jedoch nicht malen. Es wird immer einige Künstler geben, die so oder so nicht reich werden. Andere werden genügend Fans haben, die sie ausreichend respektieren, sodass sie ihnen Geld zukommen lassen, damit diese ihre Arbeit fortsetzen können. Je weniger “Anhang” hier mit durchgefüttert werden muss um so leichter wird dies funktionieren. Und die klassischen Musiklabels sind ein verflucht großer und teurer Anhang, der da frei Haus ernährt werden will.

Wenn man sich nun die aktuellen Diskussionen ansieht in denen immer härtere und brutalere Massnahmen gefordert werden um zu unterbinden, dass digitale Inhalte vervielfältigt werden können, so fällt auf, dass hier fast ausschließlich die Verwertungsindustrie argumentiert, der das Wasser schon bis zum Halse steht. Denn die digitale Welt hat neben dem leichten Kopieren noch einen wesentlichen Vorteil gebracht: Den Künstlern wird dadurch eine eigenverantwortliche und direkte Vermarktung und Verbreitung möglich. Die Großkonzerne könnten dadurch weitgehend überflüssig werden. Aber anstatt diese neuen Möglichkeiten auszuschöpfen und zu entwickeln, sodass mehr Künstler hier direkt und ohne den Wasserkopf der Industrie eine gerechte Entlohnung finden können, drehen wir uns im Kreis und versuchen eine physikalische Welt er Virtualität aufzuprägen. Wir schränken damit etwas ein und rauben ihm die neuen Möglichkeiten. Aber nicht weil es zwingend sein müsste, sondern einzig und allein deshalb, weil eine althergebrachte und etablierte Verwertungsstruktur um jeden Preis erhalten bleiben soll. Das nennt sich Bestandsschutz. Im Fokus stehen hier aber nicht die Kreativen und Küsntler, sondern eine Gewinnmaximierungsverwaltung und von Renditen verwöhnte Aktionäre, die mehr Zinsen haben wollen, die um jeden Preis jemanden aus der Tasche gezogen werden müssen.

Und wer waren nun gleich nochmal die Diebe?

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Wenn die Flut kommt

Die elende Diskussion:
Kann es ein Verbrechen sein, wenn man einen Dienst benutzt. Wird die alltägliche Verwendung zum Verbrechen, weil sie zeitgleich mit der Nutzung durch Andere erfolgt? Man kann den Gedanken auf alles mögliche adaptieren: Was wenn 20.000 Menschen gleichzeitig U-Bahn fahren? Was wenn 1 Million Menschen gleichzeitig das Licht einschalten oder den Wasserhahn aufdrehen? Woher kann der Unschuldige wissen, dass vielleicht eine Absprache dahinter steht oder ein gemeinsamer Impuls noch viele andere Menschen im selben Moment dazu verleitet. Und was, wenn nach einer Werbung tausende von Anrufern die Nummer wählen, weil die Werbung erfolgreich war. Gibt es wirklich Dienste die man legal gar nicht nutzen darf?

 

Siehe auch den Artikel “Is Clicking a Link a Crime?”
http://www.huffingtonpost.com/2012/01/20/anonymous-attacks-doj-tricks-users_n_1219692.html?ref=technology

 

Wenn nur genügend Menschen gleichzeitig eine Webseite aufrufen, so wird der zugehörige Server unter der Last zeitweise zusammen brechen. Das ist genau das selbe was ein Flashmob verursacht, der mit hunderten Kunden gleichzeitig eine Fastfood Filiale stürmt und versucht den Bestand an Cheesburgern leer zu kaufen. Das System ist für derart große Anforderungen nicht ausgelegt und bricht zusammen. Die Dienstqualität kollabiert bis auf Null hinunter. Andere Kunden die gleichzeitig den selben Wunsch haben leiden darunter, sind aber gleichzeitig ebenso Teil des Problems.

Dasselbe passiert bei der gehäuften Nutzung. So bricht auch das Mobilfunknetz in einer Region zusammen in der auf einmal große wichtige Straßenrouten unpassierbar sind und nun viele tausend Autos mit hohem Informations- und Kommunikationsbedarf versuchen eine neue Route zu ihrem Ziel zu finden, aber defacto in dem Gebiet nur im Stau stehen. Und auch der Stau selbst ist solch eine Überlastung. Eine gesperrte Autobahn oder auch eine Falschmeldung über solch eine Sperre kann einer Denial-Of-Service-Attacke auf ein kleines Dorf gleich kommen.

Immer wenn eine große Zahl an Nutzungen plötzlich gemeinsam auftreten, bricht der normale Betrieb zusammen. Das ist die Natur der Sache und lässt sich nur durch großzügige Auslegung der Kapazitäten und proaktive Steuerung teilweise kompensieren. Ansonsten aber muss man einfach sagen: Lerne damit zu leben. Nichts anderes tun Menschen seit vielen Jahren, wenn sie eine Toilette suchen und gerade eine Großveranstaltung mit vielen Menschen stattfindet. Es ist unangenehm, aber andererseits auch nicht die Schuld einzelner Toilettengänger.

Und wenn das Gerücht besteht eine Webseite wäre offline und sich diese Meldung verbreitet, so werden tausende Menschen just auf diese Seite gehen um herauszufinden ob das wirklich wahr ist. Damit werden sie aber eventuell erst zum Teil des Problems und lösen den Zusammenbruch selbst erst aus. Das klingt absurd aber hat seit langer Zeit einen Namen: “Selbsterfüllende Prophezeiiung.” Und es gibt einen Ort, an dem wir dies schon lange schmerzlich kennen: An den Börsen dieser Welt, die in einem sich selbst anschiebenden Strudel ins Bodenlose stürzen können. Dies allerdings hat auch sehr reale Konsequenzen. Dennoch würde kaum jemand von einem strafrechtlich relevanten Denial of Service Angriff sprechen, wenn ein Broker zu verkaufen versucht, weil die Kurse abstürzen.

Es läuft alles darauf hinaus, wie wir die Welt betrachten und wahr nehmen. Es ist das Ordnungsprinzip, das uns abhanden kommt, wenn typische Dienstleistungen auf die wir uns zu verlassen gewohnt sind, plötzlich durch hohen Nutzungsgrad nicht mehr zur Verfügung stehen. Das rüttelt an unserer Toleranz. Denn es muss doch irgendetwas verkehrt sein, wenn unsere Welt derart aus den Fugen gerät. Jemand muss doch dafür verantwortlich sein. Nur wo will man in dem Gewusel einen Schuldigen finden und doch muss es ihn doch geben, denn wir empfinden es ja als Störung unserer inneren Ordnung. Dass vielleicht diese empfundene Ordnung nur ein Sonderfall war, der keine Allgemeingültigkeit hatte, ignorieren wir dabei. Dass es niemals eine Garantie gab dass die als “normal” empfundene Ordnung allzeit aufrecht erhalten bleibt, schieben wir gedanklich zur Seite und zeigen mit dem Finger auf diejenigen die Teil der Abnormität waren. Genauso wie der Tourist der bei der Fahrt in den Urlaub im Stau steht und sich fürchterlich darüber aufregt warum diese ganzen Menschen hier die Straßen verstopfen würden. Dass er selbst genauso Teil des empfundenen “Problems” ist, wird ihm gar nicht bewusst. Denn derjenige der daheim sitzt, empfindet weder das Problem, noch ist er Teil davon. Es geht ihn einfach nichts an und die Ordnung ist nicht gestört aus seiner persönlichen Perspektive.

Es ist das System das wir missinterpretieren und dem wir falsche Eigenschaften beimessen. Wir denken dass Grundfeste sich niemals verändern können, dass Dinge immer funktionieren müssten. Aber das ist eine selbst geschaffene Lüge, die wir als bequem akzeptieren. Wären wir ehrlich wüssten wir dass nichts sicher ist, was wir nicht sicherstellen. Wenn wir wirklich unbedingt Sicherheit wollen, müssen wir die Vorkehrungen treffen, mit allen Kosten und Konsequenzen und die sind meist viel zu teuer, als das wir das wollen können. Denn Sicherheit heißt nicht Verbote, Kontrolle, Überwachung, Regeln, Restriktionen. Wenn eine besondere Situation eintritt bringt es nichts “Hamsterkäufe” zu verbieten. Viel zielführender wäre es rechtzeitig ausreichende Notreserven bereit zu halten. Nichts anderes versuchen Hamsterkäufer, nur ist die zeitliche Koordinierung für das schlanke Zuliefersystem nicht zu bewältigen. Hätte ein Land genügend Notreserven die bereit stehen, müsste niemand Hamsterkäufe tätigen. Und täte er es doch, würde es das System nicht zusammen brechen lassen.

Das sind armseelige Versuche eine Flut mit Sandsäcken einzudämmen, aber so sieht niemals überlegte Vorsorge aus. Diese muss ihren Blick darauf richten, das notwendige bereit zu stellen, damit auch die Flut passieren darf ohne Schaden zu verursachen. Wir dürfen nicht versuchen die Flut zu verbieten und zu eliminieren, sondern müssen sie als Teil unserer Welt akzeptieren. Und wir müssen unsere Häuser höher an den Hang bauen, dem Wasser mehr Raum geben und unsere Infrastruktur darauf auslegen, dass sie zeitweise überflutet werden kann. Erst durch diese Akzeptanz können wir lernen damit im Einklang zu leben und auch unseren inneren Frieden mit etwas zu finden, das einfach Teil der Welt ist und immer sein wird. So hat auch Noah keine Staumauern und Barrikaden gebaut, sondern eine Arche, denn er wusste, dass er mit der Flut leben musste, so wenig sie ihm auch behagte.

 

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Stromausfall in einer lauen Sommernacht …

Ich kann mich noch gut erinnern, an den Stromausfall in der ganzen Innenstadt in einer lauen Sommernacht. Für eine Nacht war die Routine durchbrochen, die Menschen mussten improvisieren, sich auf das wesentliche Besinnen und miteinander in Kontakt treten. Vielleicht stimmen die Gerüchte nicht, dass in solchen Nächten wirklich mehr Kinder gezeugt werden, aber zumindest werden in Ausnahmezuständen wie diesen viele neue Ideen geboren.

Etwas ähnliches könnte uns geschenkt werden durch Streiks anlässlich von SOPA&Co. Die Idee dahinter: Bevor das neue Gesetz zukünftig erlaubt Dienste pauschal abzuschalten, weil es darin zu Urheberrechtsverstößen kam, werden die Dienste als Drohung schon vor ab bestreikt um den Menschen zu zeigen, was ihnen alsbald blühen könnte. Die Diskussionen die sich rund um das ganze Thema seither entspinnen sind durchaus interessant. Zum einen scheint deutlich zu sein, dass die Initiative zu SOPA aus Hollywood kommt. Der Filmindustrie dort geht es überwiegend erstaunlich gut, dennoch wähnt man sich fiktiver Gewinnmöglichkeiten beraubt, durch Erlöse die durch illegal verbreitete Hollywoodstreifen nicht ordentlich erwirtschaft werden können. Zum anderen jedoch wird Google unterstellt, dass es SOPA gezielt versucht in Misskredit zu bringen, da Google wiederum selbst durch Urheberrechtsübertretungen satte Gewinnen einfahren würde.

Das Prinzip dahinter: Man stellt die Plattform bereit, schaltet Werbung darauf und gefüllt wird das ganze unter anderem mit Inhalten an denen andere das Urheberrecht haben. Man nutzt somit indirekt Werke um Gewinne zu erzielen, aber entlohnt die Künstler nicht dafür, da die Inhalte ja von Dritten bereit gestellt wurden. Zwei der Beteiligten machen dabei potentiell einen Gewinn, nämlich der Plattformanbieter durch die Werbeerlöse und der Dritte, der die Inhalte bereit stellt. Der Inhaber der Urheberrechte schaut in die Röhre.

Aber ist die Betrachtung wirklich richtig? Machte Youtube nicht viele Jahre lang Verluste und waren die hohen Datenvolumina nicht ein gigantischer Kostenfaktor, die sonst niemand tragen wollte? Stellt Youtube & Co nicht eher eine Dienstleistung für alle Seiten dar, die mit erheblichen Aufwendungen einher geht und irgendwie gestemmt werden muss und sind Werbeerlöse nicht ein sinnvoller Kompromiss? Ist der eigentliche Gewinner also nun der “Dritte”, als der einfache User, der Inhalte bereit stellt und/oder abruft? Vermutlich, denn auch wenn dessen Vorteile zunächst eher immateriell sind so kann er auf Medien zugreifen die früher unerreichbar waren. Und ist das nicht sehr erstrebenswert: Inhalte, Medien, Kulturgüter zugänglich zu machen für eine Gesellschaft.

Wer könnte ein Interesse haben, das zu verhindern? Der Blick fällt hier auf die Verwerter der Urheber- und Nutzungsrechte. Waren Medien bislang einfach nicht zugänglich und konnten die wenigen Zugangsmöglichkeiten leicht kontrolliert werden, so hat sich das heute grundlegend verändert. Nur fallen nun die natürlich Kontrollpunkte weg an denen man früher die Nutzungszölle erheben konnte. Auf einmal wird die Sache für diejenigen die früher den Markt beherrschten unkontrollierbar. Und was liegt da näher als die neuen Freiheitsgrade und die neuen Schleichwege einfach radikal auszumerzen und zu zu nageln. Zurück zu den alten Kontrollpunkte, zurück zu den alten Machtstrukturen, zurück zu den alten Beschränkungen und Beschränktheiten.

Dass man hierbei auch gleich ganz anderes Porzellan zerschlägt und auch Kommunikations- und Informationswege zerstört ist bei der Überlegung offenbar irrelevant. Um die monetäre Ausbeutung der Verwertungsrechte sicher zu stellen, werden nicht nur Zugangsmöglichkeiten zu Kulturgütern zerstört, sondern eine ganze Gesellschaftliche- und Demokratische Infrastruktur gleich mit. Dürfen privatwirtschaftliche Interessen wirklich höher wiegen als demokraitsch notwendige Prinzipien?

Sind Urheberrechtsverstöße tatsächlich die schwere Kriminalität, für das sich die ebenso schweren Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte rechtfertigen lassen? Ist ein illegal kopiertes File wie ein Raubmord anzusehen? Oder ist es nicht geradezu Blasphemie, wenn man duplizierte Bits, einem menschlichen Leben gleich stellt, da man beides mit dem selben Strafmaß belohnt. Haben wir hier bei rein wirtschaftlich geprägten Betrachtungen, nicht längst jedes Maß für Anstand und Moral über Bord geworfen?

Und wer soll haftbar gemacht werden? Der Endkonsument, der einen Film illegal bereit stellt oder abruft? Der Betreiber des Web 2.0 Softwareportals, das den Austausch ermöglicht? Der Betreiber des darunter liegenden Servers? Der Betreiber des Rechenzentrums und der Datenleitungen? Die Stromanbieter die den Strom liefert und das illegale Sharen damit erst ermöglicht? Gott weil er diese Welt geschaffen hat?
Die Frage klingt absurd, aber wo soll man eine vernünftige Grenze ziehen? Wollen wir vielleicht sogar bewusst jedem eine Teilschuld mit auf den Weg geben, aus der er sich nur rein waschen kann, wenn er schon vorab und proaktiv alle anderen verdächtigt und ans Messer liefert? Wollen wir also wirklich einen neuen Spitzelstaat in dem jeder jeden verdächtigt, anschwärzt und anklagt in der Hoffnung selbst als reine Zeuge am Verbrechen, aus dem Schlamassel heraus zu kommen?

Ist das die neue große Freiheit des Internet und die Freiheit der Märkte? Wie frei sollen Märkte wirklich sein? Und wie frei sollen Informationen, Medien und Kulturgüter wirklich sein und wie sehr wollen wir sie beschränken und weg schließen? Ist es nicht eigentlich das wesentliche Prinzip von Kultur, dass sie gesellschaftlich frei nutzbar, weiterverwertbar, entwickeltbar, rezitierbar und gegenwärtig ist. Wäre somit nicht die erste und wichtigste Forderung dass diese freie Nutzbarkeit von gesetzeswegen auch sichergestellt und garantiert wird. Und wäre es nicht erst dann im zweiten Schritt legitim, für die entsprechende Vergütung zu sorgen, die vornehmlich dem kreativ schaffenden am Ende der Verwertungskette zufließen müsste. Sollte der Staat nicht somit jedem Bürger freie Nutzungsrechte einräumen und jedem Künstler die Freiheit eigene Werke basierend auf bestehenden Werken zu entwickeln, gleichzeitig aber an die Nutzung und Freiheit Mechanismen zu koppeln um die Entlohnung sicher zu stellen.

Und versucht SOPA nicht genau das Gegenteil, in dem es sperrt, verhindert, zerstört, eliminiert, verbietet und beschränkt. Ist das nicht ein völlig destruktiver regressiver Umgang mit wertvollen Kulturgütern? Egal wie nun also die Rolle der Plattformbetreiber sein mag, ist SOPA ein Schrei nach Unfreiheit.

 

 

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Natürlich nur rein theoretisch gegen Neonazis

Bizarrer Aufmarsch: 1200 militante Neonazis ziehen durch Magdeburg -
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Ich lache laut jeden Politiker aus, der die Bürger auffordert Neonazis in Deutschland keinen Raum zu geben und sich ihnen in den Weg zu stellen. Denn was dieser Politiker nicht ausspricht ist: Leg Dich mit der Polizei an, lass Dich mit Füssen treten, verhaften und setze Dich der Straftverfolgung durch die Behörden aus. Politik versus Polizei. Die Politik ruft öffentlich zum Kampf gegen die Polizei auf?? Das ist doch völlig Lachhaft und Verlogen. Der Dumme ist der Bürger, der sich gegen Neonazis engagiert. Der Betrüger ist die Politik. Und wer ist der Böse? Es scheint, dass die Polizei diese Rolle sehr gewissenhaft ausfüllt. Dabei sollte es doch eigentlich klar sein, das unser aller Problem die Neonazis sind. Wenn die nur nicht immer von Polizisten so energisch unterstützt würden und die Politik wegsieht und sich lächerlich macht. *Kopfschüttel* Seit Jahren immer dasselbe. Da kann auch jede Enttarnung von rechten Terrorzellen und jedes Lippenbekanntnis nichts dran ändern.

Seien wir doch mal ganz offen und ehrlich: Was meint ein Politiker wirklich, der verkündet dass man Neonazis in Deutschland keinen Raum geben dürfe, dass man keinen Meter zurückweichen solle und dass jeder einzelne Bürger in seinem täglichen Handeln gefordert wäre? Die Theorie ist hier offenbar, die breiten Massen der Bevölkerung zu mobilisieren. Nur ab diesem Zeitpunkt zieht sich die Politik gerne zurück. Das trifft zugegeben nicht auf alle Politiker zu, denn manche sind dabei wenn es darum geht sich Nazis in den weg zu setzen. Nur besonders unsere konservativen Strahlemänner üben sich gerne in vereinnahmenden Wortparolen und Ausflüchten und sehen zu, wie ihre eigene Exekutive, deren oberster Dienstherr sie sind, rabiat gegen just die Bürger vorgehen, die das tun, was man eben noch von ihnen verlangt hat: Nämlich Anstand zu zeigen und sich in den Weg zu setzen.

Die Polizei wiederum ist der Arsch der Nation, denn sie soll die Routen von Demonstrationen schützen, egal ob das nun Linke, Rechte, Obere, Untere, Grüne, Schwarze, Rote, Weiße sind. Das ist im Prinzip auch gut so, allerdings sind es hier die Details die einen laut aufstaunen lassen. Wenn Polizei und auch noch der Verfassungsschutz in ausufernder Tatenbereitschaft mit allen erdenklichen MIttel, egal ob legal oder illegal, gegen Gegendemonstranten vorgehen, diese verprügeln, mit Pfefferspray und Wasserwerfern maltretieren, Hunde und Schlagstöcke einsetzen, ihre Handys überwachen, ohne Durchsuchungsbefehl Räume stürmen, die Menschen dort stundenlang gewaltsam halbnackt festhalten und ein ums andere Strafverfahren gegen Menschen anstrengen, die sich als anständige Menschen Neonazis in Deutschland widersetzen, dann darf man schon von Staatsterror sprechen. Der Bürger wird terrorisiert und soll damit gemaßregelt und erzogen werden. Gleichzeitig jedoch zuckt man bei den Neonazis mit den Schultern, cofinanziert Parteien durch dutzende V-Leute, schützt ihre Aufmärsche, erkennt Gefahren nicht und warnt die Neonazis sogar noch, verhindert die Straftverfolgung und sieht ein ums andere Mal zu, wie Neonazis durch Städte marodieren, dort Gebäude angreifen, Menschen mit rassistischen Hassparolen bedrohen und ihre rechtes Gedankengut frei entfalten können.

Klingt unglaublich? Genau das haben wir die letzten Monate in Deutschland jedoch immer wieder erleben müssen, vornehmlich in den neueren Bundesländern und immer wieder in bestimmten Städten. Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein systematisches Problem vorliegt. Es ist nicht nur der individuelle Polizist der in (vielen) Einzelfällen eben mit den braunen Uniformen liebäugelt. Es ist ein Führungsproblem in der Polizei, bei dem von viel zu weit oben, die falschen Ideale und Aktionen vorgegeben werden und der Staatsdiener am Ende der Kette es willig und entschlossen ausführt, anstatt sich einfach einmal ein wenig dümmer anzustellen als er ist, wenn es darum geht Gegendemonstranten zu maltretieren. Denn dass man sich sehr wohl dumm anstellen kann, wird immer wieder bei der Betreuung von Neonazigruppen bewiesen. Da werden laut Parolen gerufen, die in Deutschland unter Strafe stehen und die Polizei zeigt, wie taub sie ist.

Alles keine guten Zeichen für Deutschland und die Polizei lehnt dabei ihre Vorbildfunktion kategorisch ab. Der Polizist als Vorzeigebürger wird damit unbrauchbar und verkehrt ich zum Gegenteil, dem Antibürger. Eine Rolle unter der dann vor allem die einzelnen Individuen in der Beamtenlaufbahn besonders zu leiden haben, insbesondere diejenigen die eigentlich mit anderen Ansprüchen angetreten sind und die sich bemühen ihr Gewissen und ihre Verantwortung auch im Job nicht auszuschalten.

Versagt hat die Politik und ganz besonders die konservativen Parteien und diejenigen in Regierungsverantwortung. Denn sie verhalten sich widersprüchlich. Widersetzen? Ja oder Nein? Und will der Politiker wirklich, dass sich Bürger offen mit der Polizei Straßenschlachten liefern, nur damit die Gegendemonstranten die Chance bekommen einen Neonazi Aufmarsch auch wirklich verhindern? Gerade diesen Widerspruch lösen Unionspolitiker niemals auf, sondern verstärken ihn gar noch indem sie immer höhere Straßen für Bürger fordern, die sich der Polizei widersetzen. Wer sich einem Polizeigriff entwidet soll für mehrere Jahren in den Knast, denn widerstand gegen die Polizei ist ein schweres Verbrechen. Und dabei sind zwar Polizistenmorde die Trumpfkarte in der Diskussion, aber nie das um was es geht. Denn zum einen ist das Entwinden eines Polizeigriffs und der Mord an einem Beamten etwas fundamental unterschiedliches. Gleichwohl werden munter die Strafen besonders für letztes erhöht. Und zum anderen sind Polizistenmorde in Deutschland weder häufig noch typisch der Bürgerschaft oder linken Szene anzulasten, zumindest nicht in den letzten Jahren. Die Neonaziszene schlägt offenbar auch hier viel stärker durch, als mancher das hätte glauben wollen. Und wie absurd ist das denn wenn die Polizei die Nazis verteidigt, von denen ihre eigenen Leute umgebracht wurden?

Aber zurück auf den Boden der Vernunft. Die Polizei soll Fairness im rechtlichen Rahmen gewähren. Dabei kann es auch passieren, dass sie sich für Ideale ins wirft, die nur indirekt einen Rechtsstaat widerspiegeln. Versagt hat die Politik, die unehrlich ist zu den Menschen und außer Lippenbekenntnissen nichts bietet. Was genau bedeutet es also wohl wirklich, wenn man uns als Bürger aufrufen, dem Gedankengut der Neonazis keinen Raum zu geben und uns ihnen in den Weg zu setzen? Ich kann es nur so erkennen: Wenn es von der CDU oder CSU kommt, dann hat es einfach garnichts zu bedeuten. Es heißt, dass man ein wenig mit Lichtern darauf aufmerksam macht, dass man kein Nazi ist und das blöd findet. Es heißt, dass man sich um Himmels willen blos niemanden in den Weg stellen soll, schön auf die Seite geht um Neonazis durchmarschieren zu lassen und der Polizei nur im respektvollen Abstand begegnet. Und dass wir als Bürger wegsehen, wenn der Staat sich an linken Gegendemonstranten abreagiert. Und dass wir brav die CDU und CSU wählen, die uns sagt dass doch alles in Ordnung ist. So wie sie es uns jahrelang gesagt haben und in ein paar Monaten bestimmt wieder erzählen. Eine schöne Botschaft: “Alles in Ordnung”. Das beruhigt. Das ist angenehm. Dafür wählt man sie doch gerne. CDU/CSU, die Komfortpartei.

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The Gameplay sucks

Wie sich wichtige gesellschaftliche Fragen durch die Auseinandersetzungen in Computerspielen von einer neuen Seite betrachten lassen.

Wer sich nicht mit Computerspielen befasst, kennt die Ausdruck Gameplay und Gamemechanic vielleicht nicht. Damit beschreibt man die Funktionsweise eine Spieles und damit zwangsläufig auch die möglichen Spielziele. Das Belohnungsprinzip spielt dabei eine zentrale Rolle. Damit zielen Spiele direkt auf grundlegende psychologische Antriebsmuster von Menschen ab. Wenn wir etwas richtig machen bekommen wir irgendetwas dafür und wenn wir etwas generell richtig machen, dann haben wir irgendwann sehr viel davon. Der Wettstreit ist dabei eine entscheidende Komponente bei der Bewertung. Ob die eigene Leistung also wirklich gut war, zeigt sich erst im Vergleich mit anderen. Hat man mehr als andere oder weniger? War man also erfolgreicher und hat damit die Dinge besser erledigt als andere?

Dieser Vergleich ist entscheidend für den Menschen um sich nicht durch besonders schwere Aufgaben entmutigen zu lassen. Wer sie dennoch besser bewältigt als andere hat etwas gutes geleistet. Erst beim umfassenderen Vergleich zwischen verschiedenen Aufgaben fällt auf, dass es noch intelligenter gewesen wäre, bestimmte Aufgaben unbearbeitet zu lassen und sich lieber mit den einfachen zu befassen. Andersherum ausgedrückt, war die Belohnung für die schwere Aufgabe einfach zu niedrig. Als Fair wird empfunden, wenn man bei allen Aufgaben etwa gleiche Möglichkeiten hat etwas zu erreichen. Leichte Aufgaben werden weniger belohnt, für besonders schwere erhält man hingegen eine höhere Belohnung.

Am Ende versucht man in einem Computerspiel somit Leistung in eine Belohnung umzuwandeln. Dies können Spielpunkte oder auch Spielgeld sein. Mit Beidem kann man nicht direkt etwas anfangen, aber es dient als universelle Währung und Vergleichsgröße. Alternativ kann man als Belohnung Gegenstände erhalten, die direkten Nutzen haben und damit wieder Mittel zum Zweck sind um bei weiteren Aufgaben effizienter vorzugehen. Spielgeld wiederum kann auch dazu dienen um diese nützlichen Gegenstände käuflich zu erwerben. Man investiert also um eine bessere Chance auf eine noch bessere Zukunft zu erhalten.

Kurz gesagt: Computerspiele sind meist ein sehr interessantes Abbild unserer wirklichen Welt, insbesondere der wirtschaftlichen Mechanismen. Das ist leicht zu erklären, denn der Mensch neigt dazu die ihm bekannten Strukturen und Konzepte auch in neuen Bereichen zu übernehmen und zu suchen. Einmal gelerntes kommt somit erneut zur Anwendung und fühlt sich intuitiv und natürlich an. Computerspiele unterliegen dabei ganz besonderen Grundsätzen, durch die sich wichtige neue Perspektiven ergeben. Damit sind Computerspiele ein Teil der kulturellen Auseinandersetzung einer Gesellschaft und keineswegs nur passives Abbild.

Verschiedene Computerspiele selbst wiederum stehen in einem direkten Wettstreit miteinander, der in den realen Wirtschaftssystemen stattfindet. Jeder Hersteller bzw. Betreiber muss versuchen die Spieler für sein Spiel zu überzeugen und möglichst lange damit glücklich zu machen. Dabei spielen fortlaufende Belohnung, Herausforderung und vor allem Fairness eine zentrale Rolle. Wird ein Computerspiel also als unfair empfunden, so verlieren die Spieler die Lust daran, das Spiel verliert an Popularität und die Spieler wandern zu anderen Spielen ab, denn Alternativen gibt es stets mehr als genug. Längst auch ist nicht jedes gute Spiel erfolgreich, aber um erfolgreich sein zu können muss es heute ausreichend gut sein. So wie die Spieler im Inneren des Spiels in einem Wettstreit liegen, liegen die Spielemacher in der Realität in einem Wettstreit. Und das macht die Sache interessant. Beide Formen des Wettstreits wirken aufeinander ein, aber sind in ihrer Art auch fundamental verschieden und bleiben somit getrennt wahrnehmbar.

Jedes Spiel für sich stellt genau genommen eine Art Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung dar, die von den Spielemachern diktiert wird. Die Spielregeln können dabei nicht durchbrochen werden, außer die Spielemacher erlauben oder tolerieren dies. Eine solche übergeordnete Instanz die die Spielregeln durchsetzen und bestimmen kann, war in der Realität ursprünglich durch die Politik und den Staat verankert. In einer globalisierten Welt sind die Unternehmen jedoch längst über diese Grenzen hinaus gewachsen. Die Spielregeln der Realität sind dadurch aufgeweicht und können durch Einzelinteressen außer Kraft gesetzt und umdefiniert werden. Natürlich kann man anführen, dass Computerspiele genau genommen  eine Oligarchie darstellen. Die Spieler haben keine demokratischen Rechte über die Grundregeln des Spiels abzustimmen. Innerhalb der meisten Spiele stimmt diese Betrachtung. Im größeren Kontext aber üben die Spieler ihre Macht durch den Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Spielen aus. Behandelt ein Spiel seine Spieler unfair, so wechseln diese zu einem anderen Spiel und bestrafen den Spielemacher damit in der Realität. Beim Streben nach Erfolg ist der Spielemacher somit dennoch dem Willen der Spieler unterworfen, da der reale wirtschaftliche Druck ihn dazu zwingt.

Setzt man nun den Spieler in der Spielumgebung mit dem Bürger in der Realität gleich, so ergeben sich einige interessante Erkenntnisse. Das Spielprinzip in der Realität dreht sich vorrangig um Macht und Geld, zumindest sind die meisten Regeln und Belohnungssysteme so verankert. Wer möglichst viel Geld anhäuft, kann sich neues Equipment kaufen um noch besser zu sein. Wer es schafft dieselbe Aufgabe effizienter zu lösen, der bekommt mehr Geld. Und dennoch sind einige Prinzipien in der Realität grund verschieden gegenüber allen erfolgreichen Computerspielen:

1) In der Realität gibt es Zinsen und Geldanlagen. Ohne etwas selbst zu tun oder zu leisten kann man also Geld (sozusagen Spielpunkte) zeitweise verleihen und erhält danach mehr zurück als man zuvor verliehen hat. Man kann somit das Spiel spielen ohne es wirklich zu spielen. Das wäre so, als würde man ein Computerspiel lange Zeit gar nicht nutzen, aber hätte dennoch bei seiner Rückkehr mehr Erfolgspunkte hinzu gewonnen. Im Extremfall, wie er in unserer Realität durchaus vor kommt, hat ein Nicht-Spieler durch Zinsen sogar weitaus mehr Erfolgspunkte hinzu gewonnen, als ein neuer Spieler während der selben Zeit durch intensives und gutes Spielen. Da solche Prinzipien für den Erfolg eines Computerspiels kontraproduktiv wären, vermeidet man sie weitgehend. Die Spieler sollen für das Einbringen von Spielzeit, das Lösen von Aufgaben und der Auseinandersetzung mit dem Spiel belohnt werden und nicht durch ihre Abwesenheit glänzen können. Zudem würden Spieler es als sehr unfair empfinden, wenn einzelne Spieler, nur weil sie schon vor langer Zeit einmal einige Spielpunkte errungen haben, fortlaufend weiter dafür belohnt werden, während neue Spieler nicht die gleichen Chancen haben. Bei den zahllosen Auseinandersetzungen über Gameplay und Gamemechanic eines Spieles zeigt sich immer wieder, dass das Zinssystem als grundsätzlich unfair empfunden wird und allenfalls unter strikten Auflagen in Spiele übernommen werden kann.

2) In Computerspielen ist es entscheidend allen Spielern die selben Chancen zu geben. Die Aufgaben müssen nicht zwingend für alle identisch sein, aber sie müssen sich in ihrer Art gegeneinander fair verhalten. Zwar gibt es auch in Computerspielen Differenzierungen der Rollen von Spielern, sodass man unterschiedliche Aufgaben in der Gesellschaft des Computerspiels wahr nimmt. Jedoch ist es für den Erfolg des Spieles ungeheuer wichtig, dass jede Rolle vergleichbare Chancen erhält und das ähnliche Leistungen auch gleichartig belohnt wird. Man spricht hier auch vom “Balancing”, also der Balance zwischen den einzelnen Gesellschaftsrollen. Ist dies nicht gegeben, so werden Spieler versuchen nur noch diejenigen Rollen einzunehmen, die besonders lukrativ erscheinen. Andere, ebenso wichtige Rollen im Spiel, werden aussterben und das Spielkonzept insgesamt kann zusammen brechen. Ein Computerspiel unterscheidet sich hier meist von der Realität, da es allen Spielern die Möglichkeit einräumt ihre Rolle bei Beginn des Spiels frei zu wählen. Ist man später mit seiner Wahl unzufrieden, so kann man zumindest das Spiel von neuem beginnen oder sogar das Spiel komplett wechseln und bei dem neuen Spiel erneut eine Rollenwahl treffen. Ein Spiel muss somit Fairness der einzelnen Rollen gegeneinander von Anfang an garantieren und diese auch fortbestehen lassen. Ein Spiel das dies nicht leistet, destabilisiert schnell und verliert seine Spieler.

Durch Auseinandersetzung bei den Regeln des Computerspieles wird eines deutlich: Es gibt in der Realität “Spielregeln” und Prinzipien, die von vielen Menschen grundsätzlich als unfair betrachtet werden. Während diese Mankos bei Computerspielen aber offen und hart diskutieren werden und leicht zum Scheitern des Systems führen, findet ein solcher Prozess in der Realität nur sehr gedämpft statt. Ursachen dafür finden sich ebenso in den grundsätzlichen Unterschieden zwischen Computerspiel und Realität. Kernsatz dabei ist: “In der Realität sind wir viel stärker als bei Computerspielen, an das System und unsere Rolle darin gebunden.”

Während wir ein unfaires Computerspiel also einfach aufgeben und uns einem neuen zuwenden können, fällt uns das in der Realität viel schwerer. Zwar ist auch der Wechsel eines Onlinespiels nicht ganz einfach, da dort ebenso soziale Kontakte zurück gelassen werden. Jedoch können auch ganze Gruppen von Freunden irgendwann die Spielewelt wechseln. In der Realität ist so etwas mit “Aussteigen” oder “Auswandern” gleich zu setzen. Und selbst wenn sich in der Realität ganze Volksgrupppen dazu entschließen das System zu verlassen, stellt sich die Frage, wohin man auswandern soll. Zum einen ist es nicht unbedingt trivial sich in einem völlig neuen Kulturkreis anzusiedeln. Zum anderen sind viele Teile der Welt inzwischen von ähnlichen Spielprinzipien geprägt, begründet meist in der “Globalisierung”. Das Spielprinzip hat also seine eigene Eigenart auf andere Bereiche der Welt übertragen und damit indirekt das eigene Fortbestehen gesichert. Zusammenfassend, sind wir also an unser System gebunden und eine echte Konkurrenz oder Auseinandersetzung kann somit nicht mehr stattfinden.

Auch das Wechseln der eigenen Rolle ist in einem Computerspiel meist weitaus leichter möglich als in der Realität. Zwar kann dieser Schritt auch in einem Spiel mit einer zusätzlicher Mühe oder dem Verlust von schon erbrachten Leistungen einher gehen. Er ist jedoch immer irgendwie möglich. In der Realität haben wir jedoch nur sehr bedingt die Möglichkeit uns überhaupt zu entscheiden. Viele mögliche Rollen stehen uns von vorne herein nicht offen. Eine Wahl später zu revidieren ist auch in unserem bescheidenen Rahmen kaum möglich. Damit sind die Rollen weitgehend festgelegt. Auch wenn die Rollen gegeneinander gestellt als unfair erscheinen, so ist eine Auseinandersetzung darüber von vorne herein hinfällig, da der Einzelne sein Schicksal hier nicht in der Hand hat und seiner Rolle sowieso nicht entkommen kann. Diejenigen die die lukrativen Rollen inne haben sind hingegen gut beraten, sie mit allen verfügbaren Mitteln zu verteidigen und die Statik der Rollenverteilung auch weiterhin zu sichern. Das was sich “Schleier des Nichtwissens” nennt und eine echte Diskussion über ein faires Gesamtsystem erlauben würde, findet somit genau nicht statt.

Am Ende bleibt die Feststellung dass das Gameplay der Realität nicht zufriedenstellend ist für die meisten Spieler, aber sie nicht in der Lage sind ihr Spiel oder ihre Rolle darin frei zu wählen und eine Verbesserung der Spielprinzipien von daher nicht zu erwarten ist. Somit sind Computerspiele in ihren Gesellschaftsformen, sofern sie in Konkurrenz zu anderen Spielen stehen, oft um einiges weiter entwickelt als unsere Realität. Damit lohnt es sich die Kontroversen und Lösungen hier einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, wenn man bestrebt ist sich der Frage nach neuen, besseren Gesellschaftsformen zu stellen.

 

 

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