Der Untergang der Titanic jährt sich dieser Tage und überall ist das Thema wieder präsent. Ausführlich ist inzwischen dargelegt wo die Hauptfehler lagen und wie sich Umstände verketteten sodass man Ende diese Katastrophe passierte. Immer wenn ich solche Filme sehe, muss ich darüber nachdenken, welche Lösungsstrategien es gegeben hätte. Werfen wir aber erst mal einen Blick auf die Hauptprobleme. Bemerkenswert dabei sind:
- Man hatte bewusst nicht genügend Rettungsboote mit an Bord, da dies das “Design” gestört hätte. Zuviele Rettungsboote am Oberdeck, hätten es überfrachtet und galten insgesamt als unnötig. Denn das Schiff galt ja als unsinkbar.
- Das Design der Titanic war revolutionär gut. Das Schiff war wirklich so robust wie kein anderes dieser Zeit. Das genau aber war der Grundstein für die völlige Überschätzung, dass das Schiff somit auch unsinkbar wäre. Das war es natürlich nicht. Es war nur schwerer zu versenken. Man hätte das Schiff dabei ohne Probleme noch deutlich schwerer zu versenken bauen können, sparte es sich aber schlichtweg.
- Ein Hauptfeature der Titanic waren die Schotten, durch die das Schiff in mehrere Segmente unterteilt werden konnten. Dies sollte ein Volllaufen verhindern. Die Schotten wurden jedoch nicht konsequent bis ganz nach oben gezogen und die Möglichkeit, dass das Wasser über die “Oberkante” laufen könnte, wurde ignoriert.
- Die Titanic hat bewusst eine gefährliche nördliche Route genommen und ist auch nachts mit sehr hoher Geschwindigkeit gefahren, während sie Eisbergwarnungen ignoriert hat. Man hat dies getan um einen Rekord aufzustellen, schon die Jungfernfahrt zu einem Triumph zu machen und dem Kapitän ein Ruhmreiches Ende seiner Karriere zu bescheren. Ein wenig viel war da in eine einzige Überfahrt gepackt worden. Die mangelnde praktische Erfahrung mit dem Schiff und das kompromisslose Ausreizen seiner (theoretischen) Möglichkeiten, klingen eher nach der Erprobung eines Prototypen bei dem nur eine kleine Testmanschaft an Bord ist.
- Die Tatsache, dass das Schiff nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte, dann aber mit der Breitseite einmal am Eisberg entlang schrammte, aber sicherlich das letzte Quäntchen Unglück. Hätte man den Eisberg früher gesehen, wäre man langsamer Gefahren oder hätte man den Eisberg frontal gerammt, es wäre zu einem Untergang gekommen. Letztlich war dies jedoch die Komponente Unglück und Unfall, die man nicht im Griff hat. Mit solchen unglücklichen Umständen muss man immer rechnen. Es geht genau darum, trotzdem nicht den kürzeren ziehen zu müssen.
Seit dem ich den Hollywood Blockbuster Titanic das erste Mal gesehen habe, musste ich darüber nachdenken, wo man einhaken könnte um die Sache noch zu einem besseren Ende zu führen. Dabei wäre es ein leichtes bereits deutlich vor dem Unglück einzuhaken. Warum nicht das Schiff besser konstruieren, einen anderen Kurs wählen oder die Seefahrt bei Nacht vielleicht ganz verbieten. Das alles hätte dazu geführt, dass es eine Titanic Katastrophe niemals gegeben hätte.
Selbst die Möglichkeit einfach kein Ausweichmanöver zu fahren, sondern den Eisberg einfach sehenden Auges frontal zu rammen, wäre eine solche Option. Dann hätte das Schiff auf seiner Jungfernfahrt einen kapitalen Unfall gehabt, wäre aber vermutlich nicht gesunken, sondern nach mehreren Wochen sogar in New York angekommen. Allerdings schwer beschädigt und mit hunderten Toten, die beim Aufprall oder in den vorderen überfluteten Segmenten ums Leben gekommen wären. Grundlage wäre eine moralisch schwierige Entscheidung gewesen, bewusst die Menschen im Bug zu Opfern um den Großteil zu retten, allerdings in der Annahme, dass man sowieso nicht mehr komplett ausweichen könne und das Schiff ein Entlangschrammen nicht überleben könnte. Gemessen daran, wie viele sonstige Fehleinschätzungen es im Vorfeld gegeben hatte, war dies sicherlich keine denkbare Option.
Aber nun nehmen wir doch einmal das Unglück als gegeben an. Die Titanic schrammt wie geschehen am Eisberg entlang. Wasser tritt ein. Die vorderen Segmente laufen voll. Der komplette Schaden und die Auswirkungen werden offensichtlich. Was sollte man tun?
- Der erste, wesentliche und vermutlich schwierigste Schritt war es, sich einzugestehen, dass man kapitalen Mist gebaut hatte und etwas undenkbares passierte, dass der Untergang nicht mehr aufzuhalten war und man alles tun musste um nun das kommende Unglück möglichst zu beschränken. Vermutlich wurde hier wesentliche Zeit verschwendet. Aber erst dadurch wurden alle weiteren Maßnahmen überhaupt möglich. Ab jetzt war das ganze eine Wettrennen, bei dem man das Schiff solange wie möglich über Wasser halten, möglichst viele Menschen koordiniert in Boote bringen und möglichst zügig Hilfe heranbeordern musste. Umso schneller und deutlicher einem das bewusst wurde, umso schneller konnte man die dafür notwendigen Aktionen in Angriff nehmen.
- Die Situation musste allen plausibel gemacht werden, in aller Härte, aber mit Lösungsmöglichkeiten. Ja, das Schiff wird sinken und wir müssen uns darauf vorbereiten. Aber, wir werden rechtzeitig gerettet und wir können das Sinken deutlich verlangsamen. Es ist dabei nicht unbedingt besser in einem kleinen Rettungsboot auszuharren, aber die die wir haben, können wir nutzen. Hauptziel ist es jedoch, das Schiff zu stabilisieren, bis andere Schiffe eintreffen. Und diese anderen Schiffe sind bereits auf dem Weg zu uns. Für den schlimmsten Fall, sollte aber jeder eine Schwimmweste an haben und nirgends eingeschlossen sein, wenn das Schiff zu sinken droht. Alle Zugänge müssen ab sofort offen gehalten werden, auch für die Evakuierung durch ein anderes Schiff. Auch wenn einiges davon gelogen sein sollte, wäre das eine klare Lösungsrichtung, auf die man die nachfolgenden Aktivitäten aufsetzen könnte. Eine effiziente Kommunikation die die gesamte Manschaft und alle Passagiere erreichte, war hier entscheidend. Frühzeitig eine deutliche Version der “Wahrheit” zu verbreiten, war entscheidend.
- Sobald dem Konstrukteur (der an Bord war) klar wurde, dass das Schiff sich zu weit senken würde, sodass das Wasser über die Oberkante der Trennschotten laufen konnte, war auch eine mögliche Lösung offensichtlich. Es galt dieses Überlaufen möglichst zu verlangsamen oder sogar ganz zu unterbinden. In den Decks oberhalb der Schotten, galt es die Hauptdurchlässe für das Wasser zu verschließen. Mit dem Konstrukteur an Bord, hatte man hier entscheidende Hinweise zur Verfügung, wo dies am effizientesten geschehen konnte. Zwar gab es keine Sandsäcke an Bord, aber auch Mehlsäcke und andere Vorräte können eine Weile einen effektiven Damm bilden. Dabei ging es nicht darum, das Wasser dauerhaft aufzuhalten, sondern den Durchfluss entscheidend zu verlangsamen. Das war nicht nur am ersten Schott möglich, sondern auch am nächsten und übernächsten noch, wurde jedoch immer schwieriger, je mehr Segmente vollliefen und je weiter das Schiff damit unter Wasser kam.
- Pumpen, war die nächste Idee. Wenn man schon nicht verhindern konnte, dass Wasser ins Schiff kam, dann könnte man das Wasser vielleicht wieder hinaus bekommen. Selbst wenn technische Hilfsmittel nicht ausreichten so gab es die Chance mit den vielen Menschen an Bord soetwas wie Eimerketten zu improvisieren. Ob das sinnvoll gewesen wäre, war nicht sicher. Es käme darauf an, weiviele Eimer man zur Verfügung hatte. Die Menschen zu beschäftigen, war dabei sicherlich positiv, selbst wenn es nicht viel brachte. Sie aber über Stunden zu ermüden, während sie danach noch weiter um ihr Überleben kämpfen mussten, war sicherlich nicht zielführend. Man hätte es jedoch zumindest versuchen können, allein um sich ein wenig Zeit zu erkaufen.
- Bei der Suche nach etwas, das die Titanic schwimmfähig halten hätte können, kam man unweigerlich zu der Frage: Wo war denn der verdammte Eisberg geblieben? Es konnte nicht allzuweit sein. Beim Schein einiger Seenotrakten war er sicherlich zu entdecken. Warum nicht ihn als Schwimmkörper requirieren. Dazu wäre es notwendig gewesen das Schiff wieder näher heran zu bringen und es mit ausreichend starken Tauen oder sogar mit den Bugankern an dem Eisberg zu befestigen. Ein rechts und links um den Eisberg gelegtes große Tau, das ihn mit einer Art Schlinge festhielt und an das Schiff drückte, wäre wohl am vielversprechensten gewesen. Mit den Rettungsbooten hätte man diesen versuch wagen können. Das Tau hätte dabei im Wasser schwimmen können. Man hätte es um den Eisberg herum gerudert, so nah heran wie möglich, in Höhe der Wasserlinie. Dann bis zum Schiff zurück. Oder falls man technisch dazu in der Lage gewesen wäre, zwei Taue auf offener See effektiv zu verbinden, hätte man mit zwei Booten parallel arbeiten können und hätte sich auf der Rückseite des Eisbergs getroffen. Dann hätte man die Taue straff gezogen und verankert und gewartet was passiert. Das sinkende Schiff hätte sich mit etwas Glück in den Eisberg gelegt, dessen weitaus größerer Teil unter Wasser lag und somit ein Durchrutschen des Seils hätte verhindern sollen. Ob das geklappt hätte war unklar, aber wenn man erfolgreich gewesen wäre, wäre dieses Mannöver sicherlich als Heldentat in die Geschichte eingegangen.
- Das Managment des Unterganges, hätte man dies nennen können. Alle Massnahmen hätten vermutlich nicht gereicht um den Untergang dauerhaft zu verhindern. Aber es waren mehrere Chancen um das unvermeidliche hinaus zu zögern. Begleitend musste man jedoch weiter denken. Es galt unbedingt möglichst viele Schiffe möglichst gut zu instruieren. Strom war dabei essentiell, ebenso der Funkraum. Hier leisteten Ingenieure bis zuletzt ihr Bestes. Insofern muss man deutlich sagen: Es hätte schlimmer kommen können, denn hier lief schon vieles sehr gut. Ohne diese Komponenten, würde jedoch auch unsere “verbesserte” Rettungsoperation nichts bringen. Die zu Hilfe eilenden Schiffe einzuweisen und Kontakt zu halten, war wesentlich. Gleichzeitig musste man die Kräfte der Menschen einteilen und sie mit Verpflegung bei Kräften halten. Dazu war es wichtig die Vorratsräume zu plündern, solange dies noch möglich war, um Wasser, Zucker, Obst, Saft und dergleichen bereit zu halten. Ebenso trockene Decken und eventuell sogar Brennholz für Feuer. Des weiteren medizinische Ausrüstung für geschwächte und Verletzte.
- Vielleicht wäre dennoch der Untergang nicht lange genug aufzuhalten. Im kalten Wasser konnten die Menschen nicht lange überleben. Rettungsboote gab es nicht genug. Aber mit etwas Geschick und bei rechtzeitigem konsequentem Handeln, hätte sich in dem großen Schiff etliches Material gefunden, das man zu improvisierten Flössen hätte umbauen können. Das Schiff sank langsam über Bug. Dort bestand eine gute Option um auch wackelige Flösse vorsichtig zu Wassern. Entscheidend dabei war es, genügend solche Flösse heran zu schaffen um keine Panik und kein Gedränge auszulösen. Und der richtig Moment war wichtig. Ging man zu Früh ins Wasser, musste man dort unnötig lange ausharren. Begann man zu spät damit würde man nicht mehr genug Zeit haben, alle koordiniert zu wassern. In jedem Fall hätte man aber von Beginn der Katastrophe an das Schiff ohne Rücksicht in seine Bestandteile zerlegen müssen. Dazu brauchte es Arbeitsgerät. Feueräxte, Seile und dergleichen. Damit hätte man Tische, Türen, Schränke und auch Stühle umfunktionieren können. Auch Konzertflügel, Deckenpanele und selbst Voratsbehälter in Kombüsen, hätten viele retten können. Hätten von Beginn der Katastrophe an alle verfügbaren Menschen das Schiff nach schwimmfähigen Objekten durchsucht. Es wäre einiges zustande gekommen. Und wenn man wusste, dass das Schiff noch eine gewisse Zeit schwimmen würde und die Retter nicht fern waren, so wäre das ganze Unterfangen auch ein koordinierter Überlebenskampf ohne zuviel Panik, aber mit viel Entschlossenheit geworden.
Wir alle wissen, dass es so nicht gekommen ist. Ob die Vorschläge wirklich realistisch umsetzbar gewesen wären, wird wohl immer ein Geheimnis der Geschichte bleiben.
