Eine gerne formulierte These lautet: “Wer Urheberrechte und geistiges Eigentum nicht würdigt, der begeht einen Diebstahl und ist ein Verbrecher!”
Diese Diskussion ist insbesondere rund um ACTA und SOPA erneut aufgeflammt und weiterhin ungeklärt. Bisher bewegt sich die Diskussion auf einer Linie die direkt importiert ist aus einer physikalischen Welt in der jeder sich unter “Diebstahl” und “Raub” etwas konkretes vorstellen kann. Dabei werden die neuen Gegebenheiten einer digitalen Welt völlig ignoriert.
Was ist ein Dieb im konventionellen Sinne?
Ganz banal, ist das Jemand der einen Gegenstand der sich im Besitz von jemand anderem befindet weg nimmt, ohne Erlaubnis dazu. Dies kann man juristisch noch deutlich filigraner ausformulieren und differenzieren. Im Kern ist es aber das was wir im Kopf haben, wenn wir von Diebstahl sprechen. Wesentlich dabei sind zwei Aspekte: 1) Der Dieb bereichert sich an dem Gegenstand. Der Akt des Stehlens bringt ihn also in eine bessere Situation. 2) Der ursprüngliche Besitzer wird entreichert, gerät also in eine ungünstigere Situation. 3) Die Handlungsinitiative lag beim Dieb, der einen Vorteil daraus zieht. 4) Der ursprüngliche Besitzer, dessen Situation sich verschlechtert, hat die Veränderung nicht gewünscht und nicht verursacht.
Kurzum, jemand handelt um danach “MEHR” zu haben, während ein anderer passiver einen Nachteil daraus hat. Mit dieser recht intuitiven Definition fallen viele Situationen im Kapitalismus deutlich in die Nähe des Diebstahls. Die in Verruf geratenen Investmentgeschäfte, aber selbst so “solide” Dinge wie der reguläre Aktienhandel erfüllen nicht selten die genannten Eigenschaften weitgehend. Jemand ergreift die Initiative und bereichert sich zu Ungunsten eines anderen, der dafür die Zeche zahlen muss. Jeder erwirtschaftete Gewinn im nicht realen Markt funktioniert genau so. Jeder durch Zinsen gemachte Gewinn, geschieht auf Kosten von Anderen, ohne dass man selbst etwas wesentliches produziert hätte. Das was solche Geschäft “legalisiert” ist der Konsens. Der “Bestohlene” muss also der Entreicherung zustimmen und segnet sie damit ab. Der Trick besteht nun darin, diese Zustimmung freiwillig aussehen zu lassen, aber gleichzeitig doch abzunötigen, indem man geschickt die Situation so gestaltet, dass der Entreicherte kaum eine sinnvolle Wahl hat. Dadurch entsteht eine Grauzone die dicht am Diebstahl operiert, aber die den Großteil der “glorreichen” Gewinnsteigerungen von Großunternehmen ausmacht. Dies alles nehmen wir aber mit einem Schulterzucken hin und sagen: “Die Welt ist eben so und wir glauben an den Kapitalismus und den freien Markt.”
In gleichem Tenor wird nun aber angeprangert wenn sich Einzelne einfach etwas nehmen und nicht bereit sind dafür zu bezahlen. Besonders stereotyp wird hier der Diebstahl von Musikstücken ins Feld geführt. Dabei nimmt sich der sogenannte “Raubkopierer” oder auch “Pirat” etwas um einen Vorteil daraus zu gewinnen. Er gelangt in den Besitz eines Bitmusters, das dazu geeignet ist um akustische Informationen zu repräsentieren. Er kann diese Klanginformationen anhören und dadurch einen ästhetischen Genuss für sich verbuchen, sofern die Klangfolge die dem Bitmuster entspringt dafür geeignet ist. Ob das klappt, hängt letztlich auch am persönlichen Geschmack und lässt sich erst dann sicher sagen, wenn es ausprobiert worden ist. Damit gibt es eine bedingte Bereicherung, die davon abhängt von die Musik wirklich gut und passend ist und ob die Musik als solchige überhaupt genutzt und angehört wird. Das reine Kopieren von Musik ist nur eine potentielle Bereicherung, die mehr Möglichkeiten eröffnet.
Was steht nun aber auf der anderen Seite dem gegenüber. Die Quelle von der das Bitmuster kopiert wurde ist nicht etwa verschwunden, wie das Wort “Diebstahl” suggerieren möchte, sondern kann unverändert fortbestehen. Die Musik ist somit nicht wirklich “entwendet” und verschwunden. Ein direkter konventioneller Schaden für den Besitzer des Originals kommt nicht zustande. Er hat nicht weniger, er wurde nicht “beraubt”. Der Verlust ist durch nichts zu erkennen, außer durch einen Faktor den man als “Neid” bezeichnen könnte. Jemand anderes hat jetzt auch etwas, was er vorher nicht hatte. War man zuvor vielleicht der Einzige der etwas besaß und damit den anderen gegenüber privilegiert, so ist man nun nur noch einer von Vielen. Geraubt wurde also eventuell etwas vom Ego des ursprünglichen Besitzers. Dem Musikgenuss sollte dies typischerweise aber keinen Abbruch tun. Das was der neue zusätzliche Besitzer nun dazu gewonnen haben könnte, hat der ursprüngliche nicht verloren. Er hat nur an strategischer Überlegenheit eingebüßt. Wieso versucht man es dennoch “Diebstahl” zu nennen?
Das was man uns erzählen möchte ist, dass man hier “den Künstler” beraubt, der sich das Werk ursprünglich mühsam erarbeiten musste. Dieser hat doch schließlich ein Recht auf adäquate Belohnung. Das möchte ich auch in keiner Weise in Abrede stellen. Wohl gemerkt wurde aber der Künstler nicht direkt beraubt. Man hat ihm nur etwas nicht gegeben was ihm angeblich zusteht. Noch konkreter hat man mit dem Künstler typischerweise nicht viel zu tun, sondern nur mit einer riesigen Verwertungsmaschinerie die die Urheberrechte für die Künstler ausschlachtet und ihnen ein gewisses Almosen davon zukommen lässt. Dennoch sind es die etablierten Strukturen, die wir als “richtig” und “unentbehrlich” akzeptieren, weil es oft das Einzige ist was wir kennen. Das gewachsene System der Verwertungsindustrie ist für uns zu einzig legitimen Umsetzung geworden wenn es darum geht dass Künstler für ihre Leistung eine Gegenleistung erhalten sollen. Kurzum gesagt ist das aber natürlich frei erfunden. Es ist nur eine beliebige Möglichkeit unter Vielen. Einzigartig wird sie nur dadurch, dass hier bestimmte Konzerne an Schlüsselpositionen sitzen, die sie verlieren würden, wenn sich irgendwas an diesem System verändert. Der Küsntler an sich könnte auch auf andere Weise entlohnt werden. Der Gesetzgeber hätte hier zahllose Möglichkeiten um verschiedene Entlohnungssysteme zu etablieren. Aus dem Spiel wären dabei aber die Großkonzerne die an der Verwertung der Künstler heute nur “mitverdienen” durch Dienstleistungen die sie im Namen der Künstler erbringen.
Wer heute Musik “raubkopiert” schädigt in erster Linie diese Verwertungsmaschinerie und erst in zweiter Linie den Künstler. Vielfach wird das Kopieren von Musik heute kaum anders betrieben als eine kostenlose “Preview” zu erhalten, die man oft ausdehnt zu einer “Gelegenheitsnutzung” für die man keine passende Möglichkeit hat sich erkenntlich zu zeigen. Für die Musikstücke aus denen man jedoch einen echten umfassenden Genusszuwachs zieht, zeigen sich Nutzer meist jedoch sehr wohl erkenntlich. Wie nach einem leckeren Mahl in einem Restaurant wird bezahlt wenn man sich an etwas satt gehört hat und es schmeckt. Sieht man sich die Mahlzeiten aber nur mal kurz an und probiert hier und da herum, so will man auch nicht dafür bezahlen. Das früher genauso, nur musste man sich da die Schallplatten bei Freunden anhören oder von ihnen ausleihen. Wirkliche Entlohnung ließ man aber nur denjenigen Künstlern zuteil werden die man wirklich schätzte und respektierte. Wie bei guten Freunden kann man aber nur eine gewisse Anzahl solcher Lieblingskünstler haben und so verwundert es nicht, dass die in Musik investierte Geldmenge nicht gewachsen ist, obwohl die Zahl der verfügbaren Musikstücke auf den eigenen Abspielgeräten, deutlich gewachsen ist. Der Vorgang des Kopierens hat nur deshalb Zugenommen, weil die Welt sich verändert hat. An der inneren Einstellung der Menschen hat sich unbedingt viel geändert.
Was sich jedoch geändert hat, ist die Idee der Verwertungsindustrie. Und hier kommen wir zum Aspekt des Diebstahls zurück, mit dem sich Gewinne erwirtschaften lassen. Die Idee des Musikmarktes ist nämlich ganz einfach: Man macht die Menschen süchtig nach einer bestimmten Musik und wenn sie diese dann benötigen verkauft man sie ihnen. Musik verhält sich dabei anders als Äpfel oder Brot. Es sind sozusagen Unikate. Einen bestimmten “Tophit” gibt es nur ein einziges Mal und nur einer kann es einem letztlich verkaufen. Damit ist das ganze ein Art Monopol. Der Verkauf nun ist konkret eine monetäre Entreicherung des Käufers, zu Gunsten einer potentiellen Bereicherung durch Musikgenuss. Der Käufer verliert dabei etwas nämlich Geld, denn der normale Konsument kann Geld nicht einfach so erschaffen, erfinden oder kopieren (im Gegensatz zu großen Banken). Auf der anderen Seite verliert der Musikverwertungskonzern konkret gar nichts. Er kopiert einem lediglich etwas und das ist technisch heute so einfach, dass die Aufwendungen dafür im Mikrocentbereich liegen. Würde der Konsument diesem Vorgang nicht “freiwillig” zustimmen, so wäre das konkret ein dreister Diebstahl bei dem das Unternehmen dem Konsumenten Geld aus der Tasche zieht. Aber natürlich kaufen wir heute die Musik “freiwillig” … sollten wir meinen. Aber wir freiwillig kann dies wirklich sein, wenn wir gar keine Alternativen haben. Wir erinnern uns: Der Trick liegt darin, die Situation so zu gestalten, dass man die Zustimmung zum Diebstahl erzwingt. Fraglos ist dies auch hier eine Grauzone, aber die Nähe zum Diebstahl ist nicht abzustreiten. Streiten kann man über die feinen Unterschiede und Details.
Nun, wo liegt der Verlust für das Unternehmen, wenn jemand die Musik einfach so kopiert, ohne sich dafür Geld aus der Tasche ziehen zu lassen? Ganz konkret gesprochen: Dem Unternehmen “entgeht” ein Gewinn. Genauso entgeht einem Kioskbesitzer ein Gewinn, wenn zwei Straßen weiter ein mobiler Würstchenverkäufer die Kioskkunden schon abfüttert in dem er Würstchen verschenkt. Genauso sind Künstler die abseits der Verwertungsmonopole auf eigene Faust agieren und den Konsumenten neue Alternativen bieten, den Großkonzernen ein Dorn im Auge, denn auch dadurch entgeht ihnen ein Gewinn. Die Rechnung ist einfach so: “Was könnten wir theoretisch verdienen, wenn wir jedes einzelne Musikstück, das irgendwer irgendwie lädt, nutzt, kopiert, anhört, besitzt einen bestimmten frei festlegbaren Kaufpreis bekämen?” Diese Summe nun ist der “theoretisch zu erwirtschaftende Gewinn. Bleibt man unter dieser fiktiven Zahl, so ist das ein “Verlust”. Die Industrie grämt sich also, dass die frei erfundenen Gewinnmöglichkeiten nicht realisieren kann. Ein typisches Problem vieler großer Unternehmen heute, die sich Dinge ausdenken, die praktisch nicht funktionieren und für die irgendwer anderes die Schuld tragen soll. Dabei ist jedes MP3 File das jemand herunterlädt ohne zu bezahlen ein “Verlust”, egal ob derjenige es auch anhört und egal ob derjenige es auch geladen hätte wenn er dafür einen bestimmten Preis hätte zahlen müssen. Würde diese Überlegung stimmen könnte man einen Musikverwerter in den Ruin treiben indem man Tag- und Nacht Festplatten kopiert und danach wieder überschreibt. Faktisch wird er dies jedoch nicht bemerken und die ganze Argumentationskette ist frei konstruiert, nach dem Motto “widde widde wid, grad wie es mir gefällt”.
Das jedoch andererseits ein faktisches Problem besteht, wenn wirklich Niemand mehr bereit ist für Musik Geld zu investieren, möchte ich gar nicht abstreiten. Allerdings könnte man auch dann noch argumentieren: Vielleicht gibt keiner mehr Geld, weil die Musik niemanden mehr begeistert. Ganz so schwarz/weiß muss man jedoch nicht malen. Es wird immer einige Künstler geben, die so oder so nicht reich werden. Andere werden genügend Fans haben, die sie ausreichend respektieren, sodass sie ihnen Geld zukommen lassen, damit diese ihre Arbeit fortsetzen können. Je weniger “Anhang” hier mit durchgefüttert werden muss um so leichter wird dies funktionieren. Und die klassischen Musiklabels sind ein verflucht großer und teurer Anhang, der da frei Haus ernährt werden will.
Wenn man sich nun die aktuellen Diskussionen ansieht in denen immer härtere und brutalere Massnahmen gefordert werden um zu unterbinden, dass digitale Inhalte vervielfältigt werden können, so fällt auf, dass hier fast ausschließlich die Verwertungsindustrie argumentiert, der das Wasser schon bis zum Halse steht. Denn die digitale Welt hat neben dem leichten Kopieren noch einen wesentlichen Vorteil gebracht: Den Künstlern wird dadurch eine eigenverantwortliche und direkte Vermarktung und Verbreitung möglich. Die Großkonzerne könnten dadurch weitgehend überflüssig werden. Aber anstatt diese neuen Möglichkeiten auszuschöpfen und zu entwickeln, sodass mehr Künstler hier direkt und ohne den Wasserkopf der Industrie eine gerechte Entlohnung finden können, drehen wir uns im Kreis und versuchen eine physikalische Welt er Virtualität aufzuprägen. Wir schränken damit etwas ein und rauben ihm die neuen Möglichkeiten. Aber nicht weil es zwingend sein müsste, sondern einzig und allein deshalb, weil eine althergebrachte und etablierte Verwertungsstruktur um jeden Preis erhalten bleiben soll. Das nennt sich Bestandsschutz. Im Fokus stehen hier aber nicht die Kreativen und Küsntler, sondern eine Gewinnmaximierungsverwaltung und von Renditen verwöhnte Aktionäre, die mehr Zinsen haben wollen, die um jeden Preis jemanden aus der Tasche gezogen werden müssen.
Und wer waren nun gleich nochmal die Diebe?
